Barfußsport:
Die Sicht einer Trainerin
(Forumbeiträge aus dem Spätsommer 2002)
Mit einer etwa 17 jährigen Erfahrung als Trainerin in einem Hamburger
Sportverein mit integriertem Fitnessstudio mache ich immer wieder eine
Beobachtung, die mich massiv an den Kollegen anderer Studios zweifeln lässt.
So gehört es in jedem guten Studio zum Einstands-Paket, dass jeder Neuling erst
mal gründlich untersucht und eingestuft wird. Entsprechend den persönlichen
Zielen und den körperlichen Gegebenheiten wie Ausdauer, Vorerkrankungen und
Inharmonien einzelner Muskelregionen wird dann ein persönlicher Trainingsplan
erstellt.
Erst vor kurzem kam eine neue Teilnehmerin zu uns, die in ihrem früheren
Fitnessstudio gerne barfuß trainiert hätte, dieses aber nicht durfte. Worauf
ich die Betonung legen möchte: Sie hat seit Jahren unter Aufsicht von
Trainingspersonal 2-3 mal die Woche gesportet. Da sollte man eigentlich von
einem rund rum gut abgestimmten Muskelaufbau und einer ent-sprechenden
Bewegungsfreiheit der Gliedmaßen ausgehen. Und dann sehe ich bei der Einstufung
das, was ich so oft feststellen muss. Auf die Füße achtet kaum einer.
Welchen Trainer kümmert es, wenn die Kunden mit Platt-, Senk- , Spreizfüssen
kommen, ein eingebrochenes Fußgewölbe haben oder durch falsches Schuhwerk, wie
diese Dame, total verkümmerte Fußmuskeln und verkürzte Sehnen haben. „Schuh
drum und fertig" scheint die Devise zu sein.
So hat die erwähnte Dame nun u.a. auch ein spezielles Training zu absolvieren,
dass es ihr in vielleicht 6-12 Monaten erlaubt, auch ohne ganz dicke, weiche
Wollsocken auf normal harten Untergründen barfuß zu laufen und dabei keine
Schmerzen zu haben.
Da es aber für den Fußmuskelaufbau und die Sehnenstreckung keine Geräte im
eigentlichen Sinne gibt, habe ich immer reichlich zu tun, die Übungen in
Einzelarbeit mit den „ja es sind eigentlich schon Patienten"
durchzuziehen. Anfangs ist oft nicht mehr als eine kräftige Fußmassage mit
leichter Dehnung im Anschluss möglich. Später gegen Ende des Fußtrainings
muss ich dann oft schon ganz schön gegenhalten, wenn der Fuß z.B. gekippt oder
seitlich aus dem Fußgelenk gedreht wird. Meine Leute sind dann immer ganz
verwundert welche Bewegungen und mit welcher Kraft auch vom Fuß aus möglich
sind. Dabei ist es völlig klar, wenn man sich vergegenwärtigt auf welch
unwegsamem Gelände beispielsweise barfüßige Afrikaner/innen sicher und ohne
Umknicken, Bänderrisse und voller Ausdauer bewegen. – Für viele hierzulande
ist das was absolut neues.
Die erwähnte Dame wird jetzt jedenfalls noch viel Arbeit mit mir vor sich
haben, ist aber z. Zt. noch ganz begeistert. Ich kann nur hoffen, dass auch
andere Trainer/innen hier mehr lernen und dem Thema Fuß wenigstens etwas
Beachtung schenken.
Andrea
Von Dir können sich die Trainer aber eine dicke Scheibe abschneiden.
Dass die meisten Leute nicht im entferntesten erahnen, welche enorm wichtige
Rolle unsere Füße in unserem Leben spielen, war mir schon klar, aber dass es
doch viele Leute Deines Faches gibt, die sich nicht dafür interessieren, stimmt
mich nachdenklich.
Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen, dass die Füße eine tragende Rolle in
unserer alltäglichen Fortbewegung spielen. Für mich ganz besonders, weil ich
gern auf den Tastsinn der Füße zurückgreife.
Als MS-Betroffener habe ich einer permanente Gangunsicherheit, weil die
Sensomotorik in den Extremitäten zu wünschen übrig lässt. Das Gehirn kann
die exakte räumliche Position der Füße nicht mehr genau blind berechnen.
Durch den Tastsinn in den Fußsohlen kann ich aber dieses Defizit ausgleichen.
Kurzum, barfuß kann ich definitiv besser und sicherer laufen als mit Schuhen.
So bin ich auf Umwegen zum Dauerbarfußläufer geworden. Mein Physiotherapeut
findet das großartig ... ich natürlich auch, denn mit nackten Füssen weiß
ich immer genau wo ich stehe. Wenn ich z.B. eine Treppe mit Schuhen begehen
sollte, wäre das für mich sehr risikoreich, da ich dann sehr oft den Tritt
nicht finden kann und anfange zu stolpern ... unschön auf einer Treppe und
gefährlich noch dazu.
Hast Du schon einmal über eine Weiterbildung zum Physiotherapeuten nachgedacht?
So, wie Du Dich gibst, könnte ich mir das sehr gut vorstellen.
Viele Grüße, auch an die Füße, Dirk (OWL)
PS. Durch das permanente Barfußlaufen hat sich mein eingestürztes
Mittelfußgewölbe etwas regeneriert. Ich denke jedenfalls, dass es so ist, denn
meine Plattfüsse sind heute nicht mehr so platt, wie vor einem Jahr. Natürlich
lasse ich mich auch eines Besseren belehren, wenn ich daneben liegen sollte.
Die Schuhe hätte ich vielleicht schon viel früher an den Nagel hängen sollen,
aber irgendwelche gesellschaftlichen Normen haben mich immer davon abgehalten.
Der Vorschlag, eine Ausbildung zur Physiotherapie zu machen, liegt vielleicht
nahe, würde aber mein derzeitiges Leben doch sehr aus den liebgewonnenen Pfaden
bringen. Ich habe einen guten Bekannten, der eine Praxis für Krankengymnastik
hat und mit dem ich oft zusammensitze, wenn ich mal wieder nicht weiter weiß.
Klar dass ich als Trainerin nie auslernen werde. – aber: Ich mache meinen
Trainerjob in der Freizeit. Ich bekomme grade mal eine Aufwandsentschädigung
und die steht zum Zeitaufwand in keinem Verhältnis. Nicht zuletzt mache ich das
in einem Verein und nicht in einem kommerziellen Studio. Ich möchte auch, dass
es dabei bleibt und finde den Gedanken ein Hobby zum Beruf zu machen nur wenig
reizvoll. Schließlich geht es mir ja auch darum mich selber fit zu halten und
nach freiem Belieben zu trainieren. Dabei dann auch noch einige
Vereinsmitglieder fit zu machen ist kein Problem und macht sogar Freude.
PS: Ein eingebrochenes Fußgewölbe bleibt auch eingebrochen. Und auch
Plattfüße werden im allgemeinen eher stärker (können auch gefördert werden)
durch Barfußlaufen. Aber die Fußmuskulatur gleicht viele Fehlbeanspruchungen
aus und der barfuß-spezifischen Muskelablauf und die Gehbewegungen eines
trainierten Fußes sind natürlich anders, sicherer und z.B. weniger
"watschelig" als beim typischen, mal barfüßigen Schuhträger. -
Finde Deinen Weg, die Füße zur Gefühlsunterstützung einzusetzen, übrigens
sehr interessant. Habe noch nie an diesen nützlichen Zusammenhang gedacht, auch
wenn ich einen MS-Herren bei uns etwas betreue, solange er noch kommen kann.
Andrea
[PS: Ein eingebrochenes
Fußgewölbe bleibt auch eingebrochen.]
Jooo, ich hätte eher schreiben sollen
"erschlafft" also dem Ganzen liegt keine Verletzung zugrunde. Einfach
nur erschlaffte Muskeln, die jetzt durchs barfuß Laufen wieder ein wenig zum
Leben erwacht sind und wohl dadurch das Gewölbe auch wieder etwas stützen.
[Und auch Plattfüße werden im allgemeinen eher stärker (können auch
gefördert werden) durch Barfußlaufen.]
Das habe ich noch nicht bemerkt. Na ja, platter als damals ging auch eigentlich
nicht mehr ;))
[Aber die Fußmuskulatur gleicht viele
Fehlbeanspruchungen aus und der barfuß-spezifischen Muskelablauf und die
Gehbewegungen eines trainierten Fußes sind natürlich anders, sicherer und z.B.
weniger "watschelig" als beim typischen, mal barfüßigen
Schuhträger.]
Genau das wollte ich eigentlich in meinem Posting zum Ausdruck bringen, dass ich
vermute, die Plattfüsse hätten sich durch die häufige und freie Bewegung der
etwas trainierten Fußmuskeln auch ein wenig zurückgebildet. Kann natürlich
sein, dass ich hier völlig falsch liege, aber das habe ich mir ja auch nur
zusammengereimt. Fest steht nur, dass mein Mittelfußgewölbe wieder beginnt,
Formen anzunehmen. Und das Einzige, was ich gegenüber früher anders mache, ist
viel Barfußlaufen.
Wenn Du irgendwelche Fragen in Richtung MS hast, wäre ich Dir gern behilflich.
Mittlerweile habe ich mir ein umfangreiches Wissen in Sachen Neurologie
erarbeitet und engagiere mich auch stark in einem MS-Forum, sodass ich
eigentlich keine offenen Fragen mehr kenne.
Uneingeschränkte Füße
Dirk
Die Sicht eines Trainers
Hallo Andrea, ein sehr interessanter Beitrag. Wie die Stammposter des Forums
wissen, bin ich Ju-Jutsu Trainer und habe da auch einige Erfahrungen gemacht.
Kinder und Jugendliche, die ihr Training - ausschließlich barfuß - beginnen,
haben regelmäßig ein großes Problem mit Schrittdrehungen. Fast alle schaffen
es nicht, über den Ballen zu drehen. Das gesamte Gewicht lastet auf der Ferse,
so dass mich deren Bewegungen an das militärische "auf dem Absatz kehrt
machen" erinnern. Selbst wiederholtes Vorführen und üben lassen
verbessert die aus meiner Sicht durch Tragen von Schuhen, die kein Gefühl
vermitteln, entstandenen Fehlbewegungen nicht.
Ein weiteres Problem ist das Heben der Zehen, das nötig ist, um bei Fußtritten
Verletzungen zu vermeiden.
Vor einiger Zeit gab es einen im Forum einen Hinweis, dass im Berliner Lehrplan
Barfußsport ausdrücklich praktiziert werden soll. Hier in Brandenburg,
zumindest im westlichen Teil, in dem ich tätig bin, ist Barfußsport out. Mit
etwas mehr Interesse der Lehrer wäre das sicher nicht der Fall.
Zwei der älteren Kinder des Vereins wollten barfuß am Schulsport
teilnehmen.
Mit Hinweis auf die Verletzungsgefahr in der Halle (alter Holzfußboden) wurde
es verboten. Einige Zeit ging ins Land, eine neue Halle mit sehr
barfußfreundlichem Boden wurde errichtet, und so wurde das Verbot mit einem
ebenso neuen Argument begründet: Fußpilz!
Viele haben hier schon dazu geschrieben, dass dies eher ein Problem für
Schuhträger als für Barfußgeher ist, die Lehrerin, die das konkrete Verbot
ausgesprochen hat, dürfte sich kaum die Mühe gemacht haben, über ihre
Argumentation nachzudenken.
Wenn Sport den Körper trainieren soll, und wenn die Füße ein Teil des
Körpers sind, müssen auch diese trainiert werden.
Wir brauchen uns über erstaunte Blicke wegen unserer schuhlosen Füße nicht zu
wundern, wenn in der Schule in Verbindung mit dem expliziten Verbot, barfuß
Sport zu treiben, der Verzicht auf Schuhe in den Bereich des Verbotenen
gedrängt wird.
Ist erst einmal in die Köpfe eingedrungen, dass man Schuhe eben zu tragen hat,
ist es sehr schwer, ein normales Verhältnis zum Einsatz der Füße, damit auch
zum Körper als ganzem, herzustellen.
Es grüßt barfuß, Hans-Martin
Wenn ich Barfußwanderaktionen veranstalte, kommen auch Leute, die sehr wenig
Übung im "Leben auf freiem Fuß" haben.
Da hat es sich gut bewährt, mit einigen einfachen Greif- und
Geschicklichkeitsspielen die Koordinationsfähigkeit aufzuwecken.
Ich denke, das würde auch an den Anfang einer Übungsstunde für Kampfsport,
Fitness, Gymnastik etc. passen.
Erfreulicherweise haben auch Erwachsene Spaß an solchen "Kindereien".
Lorenz
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