Unbegrenzt Ferien - und meist barfuß
(Forumbeiträge im Sommer 2001)

Hallo zusammen,
in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung "Die Zeit" (geschrieben am 19. 08. 2001) findet sich ein Beitrag über drei Jungen, welche konsequent die Schule schwänzen. Auch ein barfüßiger Lebensstil gehört dazu, der auch schon hin und wieder zu Heimfahrten mit der Polizei führte (scheinbar vernachlässigte Kinder).
Nachfolgend einige Ausschnitte.
Grüße, Kai W.

Unbegrenzt Ferien

Drei Jungen haben den Traum aller Kinder verwirklicht: Sie gehen niemals in die Schule. Ihren Eltern ist es recht, und der Staat duldet es
Von Burkhard Strassmann
Stell dir vor, es gibt Schule und keiner geht hin. Die Schlagzeile sprang den Lesern des Jeetze-Kurier Salzwedel im vergangenen Jahr ins Auge. Die zugehörige Geschichte erschien der Redaktion offenbar so undenkbar wie ein Krieg ohne Soldaten. Es ging um ein Verfahren vor dem Amtsgericht Salzwedel in Sachsen-Anhalt. Eine Mutter hatte gewusst und gebilligt, dass ihre drei Söhne seit Jahren keine Schule mehr besuchen. Die Kinder waren einfach zu Hause geblieben. Sie hatten auch weder einen Privatlehrer noch an einem home schooling-Projekt teilgenommen. Ein unglaublicher Kasus, nicht nur für Salzwedel.
Es ist Montag, zehn Uhr morgens, keine Ferien. Brave Kinder sitzen um diese Zeit auf Schulbänken. Weniger brave werden von der Polizei aus dem Kaufhaus geholt, wo sie in der Spielzeugabteilung daddeln, statt Deutsch zu lernen. Jury, 9, Semjon, 11, und Immanuel, 13, sitzen im Mobilhome, das der Papa gemütlich durch die norddeutsche Tiefebene steuert. Sie kommen von einer Baustelle; Papa montiert Holzhäuser. Zwischendurch haben sie Oma in Großenkneten besucht und in Bremen eine Ausstellung über Piraten. Jetzt geht es heim. Im Bordradio läuft We all need someone we can dream on. In der Bordbibliothek stapeln sich Werke von Wilhelm Reich. Obwohl es draußen frisch ist, sind zwei der Jungen barfuß; der dritte trägt Bergstiefel. Gespannt betrachten die drei den Reporter: Schreibt der wirklich alles auf, was sie sagen? [ ... ]
Wissen Kinder, was ihnen gut tut?
Ein wenig sind die Jungen Polizeibegleitung schon gewöhnt: Weil sie irgendwann beschlossen haben, sommers wie winters am liebsten barfuß zu laufen, und weil ihnen das niemand verboten hat und weil barfüßige Kinder deutschen Polizisten verwahrlost erscheinen, wurden die drei schon öfter aufgegriffen und bei den Eltern abgegeben. Zuletzt mitten in einem Ort namens Wildeshausen. Die Polizisten hätten allerdings auch einfach mal fragen können. Sie hätten eine einleuchtende Antwort bekommen: "Barfuß laufen macht halt Spaß. Papa hat gesagt, das müsst ihr selber entscheiden, nur bei Schnee geht das nicht. Nein, kalt ist das nicht. Und seit zwei Jahren bin ich nicht mehr krank gewesen." Sagt Immanuel. [ ... ]
Christiane, die Mutter, lange Haare, langer Strickrock, auch sie barfuß, 37 Jahre alt, ist Kinderpflegerin von Beruf. Sie erinnert sich. Damals, in der Reutlinger Zeit, da hatte sich alles gefügt: Ihr Interesse an Montessori-Pädagogik, an der bestrickenden Idee, Kinder wüssten am besten, was ihnen gut tut. Das Ideal der Selbsterziehung. Begegnungen mit den Pädagogen Rebeca und Mauricio Wild (Ecuador). Das Buch Erziehung zum Sein. Und dann ihr Großer, der die Schule verweigerte und den selbst körperlicher Zwang nicht mehr umstimmen konnte. [ ... ]
Möglicherweise nahm dies auch den Amtsrichter von Salzwedel für sie ein, der im vergangenen Jahr das sachsen-anhaltinische Schulgesetz zu exekutieren hatte: Mit einer "salomonischen Entscheidung" (Jeetze-Kurier) hob er den Bußgeldbescheid des Ordnungsamtes auf und ersetzte ihn durch eine "eher symbolische Ahndung" in Höhe von 150 DM. Denn die Motivationslage der Mutter sei zu berücksichtigen, die das Wohl ihrer Kinder im Auge habe und "Überzeugungstäterin" sei. Und der Richter fragte auch, ob ein Bußgeldbescheid "bei Betroffenen dieser Art das taugliche Instrument" sei, ob nicht "mehr Aufklärung und Hilfestellung seitens der Schulbehörde angeboten werden" müssten. [ ... ]
Nach polizeilicher Zuführung von Jury, Semjon und Immanuel zur Zwangsbeschulung sieht es derzeit nicht aus. Jedenfalls nicht, solange diese Art abweichenden Verhaltens keine Schule macht.

Vielen Dank für den Hinweis auf diesen hochinteressanten Artikel.
Unfassbar, dass Kinder selbst in ländlichen Gegenden von der Polizei aufgegriffen werden, nur weil sie barfuß laufen.
Ich fürchte allerdings, dass die Leser dieses Artikels den Schluss ziehen könnten, dass man Kindern das Barfußlaufen verbieten sollte, damit sie nicht auch irgendwann zu Schulschwänzern werden.
Sowohl beim Schuhetragen als auch beim Schulbesuch handelt es sich schließlich um gesellschaftliche Normen, an die man Kinder besser gewöhnen sollte, um ihnen die im Artikel beschriebenen Probleme zu ersparen ...
Markus(31)

[Sowohl beim Schuhetragen als auch beim Schulbesuch handelt es sich schließlich um gesellschaftliche Normen, an die man Kinder besser gewöhnen sollte, um ihnen die im Artikel beschriebenen Probleme zu ersparen ...]
Na ja, ich würde das nicht gleichsetzen wollen. Zwar handelt es sich in beiden Fällen um eine Einschränkung der Freiheit, aber wer nicht zur Schule geht, wird früher oder später Bildungslücken aufweisen, die es ihm oder ihr im Leben später schwer machen werden (sofern dies nicht auf andere Art kompensiert wird - ob die Institution Schule, so wie wir sie haben, wirklich der Weisheit letzter Schluss ist, oder es auch effizientere Methoden gibt, sich auf die Anforderungen des späteren Lebens vorzubereiten, ist ein weites Feld, das die Grenzen dieses Forums sprengt).
Wer dagegen im Kindesalter auch gegen Widerstände barfuß läuft, nimmt sich eine legitime Freiheit - ich kann nicht sehen, was daran verkehrt sein sollte! Hier sollte sich die Gesellschaft hüten, die Kinder zu stark auf Konformismus zu trimmen! Alte Ordnungen in Frage zu stellen und sich dagegen aufzulehnen, ist ein natürlicher Bestandteil der Entwicklung. Das Leben wäre doch sonst langweilig.
Unci

Solche Verweigerung von Schule kommt unter anderem auch bei Hochbegabten vor. Ein durchaus typisches Merkmal für Hochbegabte ist auch, Normen und Konventionen zu hinterfragen; daraus kann -eine förderliche und selbstbewusstseinsunterstützende Umgebung vorausgesetzt- auch die Ablehnung unnötiger oder schädlicher Verhaltensweisen (z.B. Schuhe zu tragen) resultieren.
Die Schulverweigerung ist oft Resultat einer permanenten Unterforderung in der Schule (Stichwort: Underachiever)
Meine Meinung zu der Mutter: Entweder sie weiß sehr genau was sie tut und ist einfach nur sehr, sehr mutig oder sie "hat sie nicht alle beisammen" ;-)
Genie und Wahnsinn liegen manchmal dicht beieinander.
Dirk (MS)

Das Problem liegt darin, dass in unserem Staat nicht zählt was man kann sondern zunächst nur welchen Bildungsabschluss man hat; und das wird zu Schwierigkeiten führen.
Und bei den heutigen Kosten für einen Rechtsstreit liegt es durchaus nahe Prozesskostenhilfe zu stellen, wenn man keine Rechtschutzversicherung hat.
Ich finde es toll, wenn jemand es schafft so zu leben wie geschildert; das ist eindeutig angenehmer und gesünder als die Stressmaloche.
Lothar

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