Entwicklung unserer Schuhe von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert
(Forumbeitrag im Herbst 1999)

Diesen interessanten Artikel zur Entwicklung der Fußbekleidungen entdeckte ich per PAPERBALL :  

Bedeutungsträger mit unterschiedlich guter Bodenhaftung
Schuhe sind eine schöne Erfindung. Sie heben den Körper über Grund. Sie sind Medium zwischen Unten und Oben, zwischen Boden und Körper - und haben doch kein Eigenleben. Einmal abgestellt, werden sie ganz still. Leblos stehen sie am Bettrand, ganz so wie die abgelegten Brillen auf Tischen oder Kommoden [...]
Schuhe sind eine Herausforderung. Das beginnt beim Kauf, der Vorfreude auslöst, aber leicht auch zu einem Ärgernis werden kann. Kaum ist für das Auge ein vortreffliches Exemplar im Schaufenster gesichtet, beginnt der Moment der Wahrheit. Die Anprobe [...] In den folgenden Sekunden entscheidet nicht mehr nur das Auge, sondern auch der Fuß. Letzterer lässt sich nicht blenden von Farben, Lochverzierungen, Schnallen, Block- oder Bleistiftabsätzen. Der Fuß weiß, was er braucht. Wehe, er leidet [...]
Fehlentscheide beim Schuhkauf sind nicht selten. Es ist eben schwierig, aus dem Stand abzuwägen, was gute Bodenhaftung verspricht. [...] Und nur einen Tag im falschen Schuhzeug zu erleben ist ein Gräuel. Es schmerzt der äußere Fußknöchel am Schuhausschnitt. Es schmerzen die Zehen. Es schmerzt das Kreuz und der Nacken. Wegen der Unterlage schreitet der gesamte Körper falsch daher. Er wird von unten her, von den Wurzeln, aus dem Lot gebracht [...]
Schuhe symbolisieren Charaktere. In ihnen ist etwas aufgehoben, was für den ganzen Menschen spricht. Sie sind Bedeutungsträger. Das gilt gerade auch in Zeiten, da die Mode unsere Begehrlichkeiten beeinflusst.
Es gibt Menschen, die aller Mode trotzen. Sie beweisen Standfestigkeit, indem sie ihr Leben lang einen ähnlichen Schuhtypus tragen, etwa braune Schlupfschuhe, halbhoch.
Häufiger tritt der andere Typus in Erscheinung. Jener, der im Trend liegen möchte. Sein Auftreten ist augenblicklich gut anhand der Plateau - Schuhe zu beobachten. Junge Frauen bewegen sich zehn Zentimeter erhöht über das Pflaster. Sie stelzen durch die Welt, wollen gefallen, egal, zu welchem Preis. Mit allerlei Verrenkungen kommen sie dann doch ins Tram oder aus dem Blumengeschäft. Eine neue Mode? Nein. Plateau-Schuhe gab es schon im 16. Jahrhundert im Raum Venedig [...]
Schuhe können krank machen. Aber sie können auch - auf gesunder Grundlage - den Gang positiv beeinflussen. Das hat man besonders zum Jahrhundertende in Japan erkannt. Um mit den sich verändernden Moden und Modellen Schritt zu halten, bieten japanische Spezialisten nicht nur Ganganalysen, sondern bereits Laufkurse an. Ist der richtige Schuh gefunden, wird für die zubetonierten bzw. gut gepflasterten Weltstädte das Gehen geübt. Die Kurse in Tokio haben Zulauf.
In früheren Zeiten war es ganz einfach. Da lief der Mensch - wie das Tier, dem er entkommen war - barfuß. Die Ferse konnte abrollen, der Fußballen nachziehen, mit den Zehen wurde am Boden abgestoßen, um das Körpergewicht jetzt dem vorderen Fuß zu übergeben. Geschwind nahm der Läufer Hürden. Hornhaut bildete sich, als Schutz vor Kanten, scharfen Stellen.
Früher, da gab es noch keine Hammerzehen, da war der Fuß so frei, wie die Hand noch heute ist. Für die 26 Knochen des Fußes, für Gewebe und Muskulatur, für Hornhaut und Haut war die Welt noch in Ordnung. Savannen- und Waldboden gaben bei jedem Schritt nach.
Schuhe wurden erfunden, um den empfindlichen Fuß vor Unwägbarkeiten im Gelände, vor Stein, Getier und Hitze zu schützen.
Bereits 2000 Jahre v. Chr. trug man in Ägypten bizarres Schuhwerk: nämlich Sandalen aus gewebtem Papyrus. Die Prunksandalen der Pharaonen waren bereits aus Gold- oder Silberlegierungen [...]
Auch die Griechen zeigten sich auf den Strassen in Ledersandalen, die Römer schnürten ihre Exemplare schon über den Rist. Am Tiber erblühte auch erstmals die Schuhmacherzunft. Frauen, die beim Schuster geschlossene Schuhe in Weiß oder Rot erwarben, signalisierten unmissverständlich Standesbewusstsein. Das Fußvolk trug immer nur offene Ledersandalen in Naturfarben. Vier schwarze Lederriemen, die bis zur Mitte um das Bein geschlungen wurden, dieses war indes den Senatoren Roms vorbehalten. Ein Konsul schmückte sich hingegen mit einem rein weißen Schuh. Und die Soldaten Roms erhielten für lange Reisen lederne Schnürstiefel [...]
Die Verfeinerung des Handwerks durch die Jahrhunderte führte zu Neuentwicklungen. Endlich gab es im Hochmittelalter auch für die gewöhnliche Land- und Stadtbevölkerung Schuhe in verschiedenen Größen. Und auch Exemplare, die die unterschiedliche anatomische Formung des rechten und linken Fußes berücksichtigten.
Die Briten waren im 14. Jahrhundert ein für heutige Begriffe wahrhaft «hippes» Volk. Plötzlich kam die Mode auf, Schuhe mit Spitzen, sogenannte Schnabelschuhe, zu tragen. Dieser neueste Schick führte zu manchem Unfall, erst recht bei vierzig Zentimeter langen Schnabelschuhen. König Edouard III. erließ ein Verbot. Umsonst. Gegen diesen letzten Schrei war er machtlos.
Es ist schon bemerkenswert, was im 20. Jahrhundert aus der Grundform des Schuhs gemacht wurde. Die ehemalige Überlegung - Schutz und Polsterung des Fußes - trat fast in den Hintergrund. Der Schuh wurde Modeartikel, und eine Industrie, die sich im 19. Jahrhundert endlich eine Nähmaschine für Schuhmacher erfunden hatte, belieferte immer neu den Markt. Nun ging es nicht mehr darum, festes Schuhwerk für Winter und leichtes für sommerliche Temperaturen zu fertigen. Nein, es ging um die Bedürfnisvielfalt der Kunden [...]
Im Oktober, wenn der Boden vom Regen nass oder in Parks und im Wald aufgeweicht ist, benötigen alle festeres Schuhwerk. Diese Exemplare führen zurück zum Elementaren. Der Schuh soll den Fuß schützen, er soll bequem sein, er soll auf heiklem Gelände durch sein starkes Profil Halt geben, so dass weder auf nasser Treppenstufe noch auf Fels Ausrutscher passieren. Weniger elegant, dafür aber festgeschnürt und erstaunlich gut gehen wir gleichsam Richtung Winter [...]
Christian Scholz [Neue Zürcher Zeitung, 20. 11. 1999]

Belesene Füße Georg

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