[Barfuß auf Pilgerwegen]

[St. Patrick´s Fegefeuer in Irland]

Barfuß auf Pilgerwegen
(Forumbeiträge seit Frühling 2001)

Nachdem heute das Wetter für mich nicht das richtige zum Barfußgehen ist (Regen bei ca. 5 Grad), noch ein bisschen Theoretisches über nackte Füsse:
Wandern auf Pilgerwegen ist eine uralte Sache, die in den letzten Jahren eine erstaunliche Renaissance erlebt. Der bekannteste Pilgerweg in Europa ist wohl der Jakobsweg nach Santiago de Compostela. An dieser Strecke ist in letzter Zeit eine neue Infrastruktur für zu Fuß gehende Pilger entstanden, und in Buchhandlungen könnte man schön langsam ein ganzes Regal mit Erlebnisberichten füllen (der bekannteste von Paulo Coelho, für mich der schönste von Carmen Rohrbach - "Wandern auf dem Himmelspfad").
In Österreich erlebte die Fußwallfahrt nach Mariazell eine unerwartete Wiederbelebung.
Völlig unterschiedlich sind die Gründe, warum Leute eine Pilgerreise zu Fuß unternehmen:
- "klassische" christliche religiöse Motive wie Erfüllung von Gelübden oder Busse für begangene Sünden
- "esoterisches" Erleben übernatürlicher Kräfte an speziellen Orten
- bewusst den normalen Lebensrhythmus verlassen, um mit sich selbst klar zu kommen, Entscheidungen zu treffen, nach Sinn zu suchen, ...
- intensives Gruppen- oder Einsamkeitserlebnis, je nachdem
- Freude am Wandern, am Unterwegssein, am einfachen Leben, ...
- Ehrgeiz zu sportlicher Leistung ...
Viele Menschen auf den Pilgerwegen haben auch mehrere Gründe, mitunter kommen zu den bewussten auch noch unbewusste Motive dazu. Oder zu den genannten solche, die man niemand erzählt.
Doch jetzt zurück zum Thema unseres Forums: Wie Pilgern eine alte Tradition in Europa ist, so gehört für mich Barfußgehen einfach dazu. So ist es eigentlich erstaunlich, oder vielleicht auch bezeichnend für das Verdrängen der Fähigkeiten unserer bloßen Füße, dass die modernen Fußwallfahrer so gut wie nie ohne Schuhe unterwegs sind.
Die Pilger früher Zeiten waren wohl auch deshalb häufig barfuß, weil Schuhe einfach teuer waren. Wenn diese auf der langen Reise kaputt gingen, konnten sie nicht so einfach neue kaufen. Daneben verzichteten aber auch viele auf Schuhe, um sich die Aufgabe der Wallfahrt zu erschweren. Im Extremfall marschierten dann Menschen barfuß und halbnackt über verschneite Pässe und schleppten noch schwere Kreuze mit sich.
Ich habe aber schon den Verdacht, dass viele Barfußpilger die Schuhe daheim (oder in der Tasche) ließen, weil das für sie angenehmer war. Entweder, weil so keine Schuhe drücken können, oder weil es ihnen ja darum ging, einen Weg möglichst intensiv zu erleben. Warum also nicht hautnah?
Wer von Euch weiß etwas zum Thema? Wer ist schon barfuß auf Pilgerschaft gewesen, oder wer kennt jemand, der es getan hat? Wer plant so etwas? Welche Motive für eine bloßfüßige Wallfahrt könnte es noch geben?
PS: Ich bin ein paar Mal von Wien nach Mariazell gegangen, eine besonders tolle Wanderung von 3-4 Tagen. Nicht nur wegen der alten Wallfahrtstradition, sondern einfach auch wegen der Landschaft. Ein großer Tal des Weges führt durch fast menschenleere Wälder, wie es sie in Mitteleuropa nur mehr sehr selten gibt.
Ganz ohne Schuhe war ich nie unterwegs, aber mein Anteil an Barfußstrecke wurde von mal zu mal größer.
Der Jakobsweg ist auch seit Jahren einer meiner Träume. Ich bräuchte eben viel mehr Zeit zum Reisen ...
Ganz barfuß wäre das wohl eher nichts für mich, aber irgendeinen Schuhminimalismus würde ich mir schon einfallen lassen, z.B. nur Treckingsandalen für den Notfall in den Rucksack packen.
Obwohl natürlich gerade die Idee, auf so einem Weg ganz auf die eigenen Füße angewiesen zu sein, schon etwas für sich hat...
Harald

Hallo Harald, Deinen Beitrag über Pilgerwege und barfüßiges Pilgern fand ich sehr interessant.
Welche Motive es für Pilgerwanderungen gibt, hängt natürlich davon ab, wie man den Begriff definiert. Wenn es dabei nicht nur um den Besuch von religiösen Stetten geht, sondern auch um Naturziele oder um das Suchen nach dem eigenen "Ich" (nicht nur in sportlicher Hinsicht) habe ich ja schon einige barfüßige Pilgertouren gemacht. Meine Wanderungen in Schweden kann man glaube ich schon so bezeichnen.
Wie gesagt, ich habe dabei nie irgendwelche Klöster etc besucht, die gibt es dort gar nicht. Mein Ziel war die Natur und das hat sicher auch einen religiösen Hintergrund, weil für mich der Schöpfer (wie auch immer man sich den vorstellen mag) doch eher in der Natur als hinter dicken Mauern zu finden ist.
Wenn man so alleine in der weiten und unglaublich stillen Landschaft unterwegs ist, völlig ausgesetzt den Kräften der Natur, wie Wind, Kälte, Regen, Hitze dann hat man viel Zeit über sich selbst und den Sinn des eigenen Daseins nachzudenken, auch über die eigenen kleineren und größeren "Sünden".
Dass ich dabei soweit irgendwie möglich barfuß bin, ist eigentlich völlig selbstverständlich. Nur so kann ich die Natur richtig fühlen. Das Barfußlaufen gehört für mich genauso dazu, wie die Nächte draußen in der Weite der Natur, nur geschützt durch die dünne Zeltplane, ebenso wie die Körperpflege im eiskalten Flusswasser, nackt natürlich. (Das hat dann nichts mit Nudismus zu tun, es ist niemand da, dem man seinen Körper zeigen oder verbergen könnte)
Wenn ich so barfuß durch die windgepeitschten Landschaft wandere, die feuchte kühle Vegetation spüre, die harten Felsen, den kalten Schnee, wenn ich mich im kalten Fluss wasche, dann fühle ich, wie auch irgendwelche Lasten von der Seele gewaschen werden.
Wenn ich in Hütten übernachten würde, mich abends am warmen Ofen waschen würde und beim Wandern Schuhe tragen würde, wäre das nicht so. Sobald ich z. B Stiefel anziehe, ist der Naturgenuss weg, die Werte unserer Zivilisation sind wieder da, ich versuche schnell zu sein, Zeit zu gewinnen. Dann kommt wieder der Blick auf die Uhr, die Frage, wie weit ich schon gekommen bin.
Barfuß fühle ich mich irgendwie als Einheit mit der Natur, mit der Schöpfung, nicht als getrennt von ihr. Allerdings nur, wenn ich auch wirklich in der Natur unterwegs bin. Barfuß auf der Kaiserstaße, bei Walmart, im Hauptbahnhof oder im Stadtgarten ist das -in dieser Hinsicht- natürlich nicht viel anders, als mit Schuhen. Dort gehe ich barfuß, oder meist mit Sandalen, weil geschlossene Schuhe einfach unbequem sind.
Mit barfüßigen Grüßen, Bernd A

Zum Thema barfuß und Pilgerschaft ... habe ich mal im Internet ein wenig recherchiert und das ist dabei herausgekommen :
Neben den Passionsdarstellungen, wie sie ja auch im Augenblick stattfinden, und einigen Hinweisen auf Barfußpilger in der Vergangenheit gab es zwei christliche Wallfahrtsorte, bei denen wiederholt auf Barfußwallfahrer hingewiesen wurde :
Über den einen - in Irland - kann man unter dem Titel "St. Patrick´s Fegefeuer’ in Irland - Barfußwallfahrt zum eigenen Ich" einiges nachlesen.
Der zweite ist Medjorge in Kroatien, ein Marienwallfahrtsort. Zitat aus dem Pressedienst (als Beispiel für mehrere Belege) :
ZUM FEST MARIÄ HIMMELFAHRT Zum Fest der Gottesmutter, am 15. August, besuchten etwa 20 Tausend Pilger von allen Kontinenten die Pfarre Medjugorje. Besonders hervorgehoben sei die Vielzahl kroatischer Pilger, die aus verschiedenen Gebieten unserer Heimat barfuß zu Maria, der Friedenskönigin, gepilgert sind.
Vielleicht kann ja noch jemand von Euch etwas ergänzen ?
In diesem Sinne übrigens auch allen ein Frohes Osterfest wünscht Georg

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"St. Patrick´s Fegefeuer" in Irland - Barfußwallfahrt zum eigenen Ich
(Forumbeiträge im Winter 1999 / 2000)

Hallo Forum, wer von Euch 2000 eine außergewöhnliche Unternehmung auf bloßen Sohlen plant und Christ ist, wird sich vielleicht von folgendem Ziel angesprochen fühlen :
Die Geschichte der irischen Wallfahrtsinsel "St. Patrick's Purgatory" im Lough Derg geht, wie der Name vermuten lässt, zurück zum Nationalheiligen der grünen Insel.
Der Lough Derg, der größte See in der Grafschaft Donegal, hat 19 Inseln, eine davon ist "Station Island". Auf ihr befindet sich "St. Patricks Fegefeuer", ein im christlichen Europa einmaliger Wallfahrtsort. Seit dem sechsten Jahrhundert hat er die Menschen bis heute fasziniert hat. Eines der dort praktizierten Pilgerrituale – in Kreuzesform barfuß an der Wand - zeigt das Bild.
Während der zehnwöchigen Saison von Anfang Juni bis Mitte August unterziehen sich die Pilger diesem Programm : drei Tage lang – 24 Stunden davon ohne Schlaf – barfuß laufen, außer Tee und trockenen Keksen nichts essen, strenge Bet - Rituale einhalten und viel Zeit zum Nachdenken ...
Für Wallfahrtsdirektor Monsignore Richard Mohan ist die traditionelle Drei - Tage - Wallfahrt im heutigen Verständnis weniger mit Sünde und Buße verbunden als vielmehr mit der Möglichkeit, das Wichtige im Leben des Wallfahrers vom Unwichtigen zu trennen: "Barfuß und ohne die Annehmlichkeiten des heutigen Lebens, umgeben von Stille und Frieden, findet man den Weg zum eigenen Ich und den wichtigen persönlichen Prioritäten leichter. Wenn die Menschen wieder von der Insel wegfahren, fühlen sie sich ungeheuer erfrischt und gestärkt, so seltsam das angesichts der physischen Entbehrungen der drei Tage klingen mag", sagt er.
Übrigens : Seit 1992 gibt es im Mai und September auch eintägige Wallfahrten auf die Insel, bei denen Schuhe und Mahlzeiten erlaubt sind. Zumindest letzteres wäre eher nichts für uns !
Mehr deutschsprachige Information im WWW hier (ich habe streckenweise hieraus zitiert), und in englischer Sprache z. B. hier.
Frohes Pilgern auf bloßen Sohlen wünscht
Georg

Und dieser Pressebericht schildert - wenn ich mich nicht täusche - einen anderen St. Patrick - Wallfahrtsort :

Gott muss ein Ire sein
Seelen- und andere Wanderungen im grünen Nordwesten Irlands
Von Michael Tetzlaff [...] Da ist er: Croagh Patrick, einer der heiligen Berge Irlands, an der Clew Bay nahe Westport. Der 762 Meter hohe Kegel verdankt seinen Namen Irlands Schutzpatron St. Patrick. Der Heilige hatte im fünften Jahrhundert auf dem Gipfel 40 Tage fastend zugebracht. Da hoch? Bis zu 60 000 Pilger schaffen jährlich den Aufstieg. Hauptverkehrstag ist der letzte Sonntag im Juli. Das untere Drittel des Croagh ist gnädig. Ein paar Steine liegen im Weg, auch die Steigung ist noch erträglich. Pause. Nein, das kann nicht unser Weg sein. Er ist es doch. Nach einer Strecke, die an die Substanz geht, fast flaches Land. Doch jetzt: Das Stück vor dem Gipfel besteht nur noch aus willkürlich hingeworfenen Steinen. Douglas ist ein gutes Vorbild, mancher Meter geht nur auf allen Vieren.
Oh Gott! Jawohl. Einige Pilger besteigen den Croagh barfuß, heute jedoch nicht. [...] der Gipfel ist erreicht, nach etwas mehr als zwei Stunden. Die kleine, weiße Kapelle ist keine schwächebedingte Halluzination sondern Wirklichkeit. Wie mag wohl das ganze Baumaterial hier hoch gekommen sein? Der Blick über die Clew Bay macht klein. Croagh Patrick sagt: "Na du Wurm, noch irgendwelche Fragen ans Leben?" [...]
[Frankfurter Rundschau, 5. 11. 1999]

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