Barfuß - Pressespiegel : Erinnerungen an barfüßigere Zeiten
Boafuaß
"Mama, derf i boafuaß renna?" Auch die Kinder unserer Zeit sind gerne ohne
Schuhe und Strümpfe unterwegs, wenn die Sommersonne vom Himmel brennt. Unsere Großeltern
durften nicht - sie mussten barfuß laufen. Zur Schonung des Schuhwerks. "I hon meine
Schuah grod am Sunnta in d' Kircha ozog'n. Erst hon i 's trogn und vo da letztn Stauern am
Kirchaweg hon i 's auffeto'", erzählte eine Großtante. Sie hat auch vom
"Küah - Hüatn" berichtet, der herbstlichen Arbeit aller Bauernkinder. "Do
is oft da Reif scho am Gras drog'hängt. Uns hot so vej in dö nackatan Füaß
g'frorn, dass ma uns hoit ab und zua in an warma Kuahdreck eineg'stellt ham".
Die Nachkriegsgeneration hielt sich an das Gebot, in Monaten ohne "r", also von
Mai bis August, barfuß laufen zu dürfen. Im Mai war es noch schwierig, ohne
"Aua!" beispielsweise über eine grobe Schotterstraße zu laufen. Im August war
das infolge der abgehärteten, von einer "Hornhaut" überzogenen Fußsohlen kein
Problem mehr. Man konnte über ein Stoppelfeld flitzen, beim "Hoibazupfa"
piekste der "Dangl" - die abgefallenen Fichtennadeln auf dem Waldboden - kein
bisschen mehr. Aber dann begann nach den großen Ferien schon wieder die Schule und Schule
war gleichbedeutend mit Schuhen.
Bis dahin gab es manches Malheur fuß- und beinseits. Als da waren: Brennnessel malträtierten die Wadln, Ameisen waren mit Säure zugange, der "Ganserer" vom
Nachbarn entwickelte eine Vorliebe für nackte Kinderbeine und zwickte, was der Schnabel
hielt. Besonders schmerzhaft war eine "Stoatritt": Ein spitzes Steinchen saß in
der Fuß - Hornhaut und man musste zusehen, es wieder herauszuholen. Geschrei gab es, wenn
wieder einmal ein "Zehernkapperl" fällig war: In vollem Lauf hatte man sich an
einen Stein, ans Türstöckl oder ein anderes hartes Hindernis gestoßen - und weg war
eine Zehenkappe. Absolute Problemzone war hier die große Zeh. Gefürchtet war das
Zehenkapperl - Abstoßen vor allem bei den Buben, denn mit einer solchen Verletzung verbot
sich über längere Zeit das Fußballspielen. Unangenehm war auch ein juckender
"Baamhackl" an den Beinen. Er kam zustande, wenn ein kalter Wind über längere
Zeit auf die vom Spielen im Bach nassen Wadl blies und die Haut dabei austrocknete.
Dass die Schienbeine stets mit einer Ansammlung blauer Flecken versehen waren und die Knie
ständig "aufgeschunden" waren, bedarf keiner besonderen Erwähnung - kleine
"Betriebsunfälle", die sich nie vermeiden ließen.
[Passauer Neue Presse, 08. 06. 1999]
Fußspuren sind 26 000 Jahre alt
Im Tal der Ardeche in Südfrankreich sind die ältesten
Fußspuren des Menschen in Europa gefunden worden. Das gab Michel Alain
Garcia, Spezialist für prähistorische Ethnologie beim Nationalen Zentrum für
wissenschaftliche Forschung, in Paris bekannt. Er war barfuß und bewegte sich mit großer
Vorsicht. An einer Stelle rutschte er aus. An einer anderen trat er in die Stapfen einer
Bärentatze. Entdeckt wurden Hunderte von Abdrücken in der Chauvet - Grotte bei
Vallon- Pont- d'Arc im Tal der Ardeche. Wegen ihrer wunderbar erhaltenen Tierbilder, mit 32
000 Jahren den weltweit ältesten, gilt die Höhle, auf die drei Freizeitforscher im
Dezember 1994 stießen, als "Louvre der Steinzeit". "Mit großer
Wahrscheinlichkeit war es ein acht- bis zehnjähriger Junge, der vor etwa 26 000 Jahren
durch die Höhle ging", meint Garcia. Er hatte im Mai die Spuren in der Höhle
erstmals untersucht, fotografiert und sie an Hand der Aufnahmen analysiert. Sie sind 21,4
Zentimeter lang und neun Zentimeter breit und lassen auf eine Körpergröße von 1,30
Meter schließen. Sie sind so deutlich, dass sie damals schon den Entdeckern der Höhle
auffielen. Doch die Sorge, die Spuren in der für die Öffentlichkeit verschlossenen
Grotte für immer zu zerstören, erlaubte es den Forschern erst im Verlauf der letzten auf
zwei Wochen begrenzten Erkundungskampagne im Mai, diesen Teil der Höhle näher anzusehen.
Folien schützen die sensationellen Funde. Hans-Hagen Bremer , Paris
[HAZ, 07. 07. 1999]
Streifzug durch Bevergern
Was früher zur Kirmeszeit gefeiert wurde
Von RITA ALTHELMIG Mit dem Stadtrecht von 1366 in Bevergern war das Recht zur Abhaltung
von Märkten verbunden. Im Jahre 1598 war die Stadt Bevergern an die Regierung Münster
herangetreten, um zwei Jahrmärkte zuzulassen [...] Die Märkte wurden von auswärtigen
Kaufleuten beschickt. Bis in die 50er Jahre gab es noch einen Markt im April, zuletzt in
kleinem Rahmen. In Bevergern war dieser Markt hauptsächlich ein Ferkelmarkt, denn jeder
Ackerbürger hatte mindestens zwei Ferkel, es wurden aber auch Rinder und Haushaltswaren
verkauft. Besonders bekannt und beliebt war früher der Bartholomäusmarkt. Die Kirmes in
Bevergern wird am Sonntag nach Bartholomäus gefeiert. [...] In manchen Gegenden kannte
man auch den Schäferlauf und Hirtentänze, die um diese Zeit veranstaltet wurden. Der
Schäferlauf war ein Wettlauf für Burschen und Mädchen barfuß über ein langes
Stoppelfeld. Der schnellste Bursche gewann einen mit Bändern geschmückten Hammel, die
Siegerin unter den Mädchen erhielt ein Schaf, manchmal auch ein Kleidungsstück oder
Silbergeld. Ein Stadtpfleger zu Pferde hatte den Wettlauf gestartet und ritt als
Schiedsrichter neben den Läufern her. [...]
[Ibbenbürener Volkszeitung, 27.8.1999]
Teutonia 09: Eine
Erfolgsgeschichte
Der Schonacher Fußball - Club feiert seinen 90. Geburtstag
- Ein Blick in die Geschichte
Schonach (hem) Der Schonacher Fußballclub Teutonia 09 feiert heute mit einem Festbankett
seinen 90. Geburtstag. Mit seinen sportlichen Aktivitäten und einem regen Vereinsleben
bereicherte und prägte der heute 750 Mitglieder zählende Club die Geschichte des
Schwarzwalddorfs. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts war das Feldspiel Fußball, dessen
Popularität 1863 in England seine Anfänge fand, auf dem Vormarsch rund um den Erdball.
Im Jahre 1900 wurde der Deutsche Fußball Verband aus der Taufe gehoben. Auch in Schonach
hielt die sportliche Spielerleidenschaft schon bald darauf Einzug: Im Herbst 1909
gründeten 30 Fußballbegeisterte [...] den FC Teutonia 09, einen der ältesten
Fußballvereine in Südbaden. Spielideologie stand im Vordergrund: Barfuß und mit
strohgefüllten Bällen wanderten die Spieler mit Ausrüstung und Verpflegung im Rucksack
im darauffolgenden Jahr auf die benachbarte Triberger Retsche zum ersten offiziellen Spiel
Schonach gegen Triberg, bei dem die "Teutonen" überlegen gewannen. Einen
richtigen Lederfußball konnte sich der junge Verein erstmals im Jahre 1912 aus dem Erlös
eines aufgeführten Theaterstücks leisten. [...]
[Südkurier, 25.9.1999]
Erzählabend: Wie lebten
kinderreiche Familien in den Walddörfern? [...]
Christbaum an der Decke und Backstein im Bett [...] Arm, aber
kinderreich, so lebten die Rhöner zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts. Mit
bis zu zehn Personen in einem kleinen Zimmer - und am Wintermorgen unter einer
schneebedeckten Zudecke aufwachen. Beim Erzählabend in Sandberg erinnerten sich
ältere Bürger an ihre Kinderzeit in der Großfamilie. [...]
Die Kinder mussten
tüchtig ran, beim Steinlesen, bei der Aussaat und Ernte, beim Reisig- und
"Spreißelich- machen". [...] Auch beim Wiesenmähen mussten die Kinder
mit ran. In Langenleiten gingen die älteren Schüler schon früh um zwei Uhr
"auf den Berg"; bis Schulbeginn waren sie wieder zurück. [...] In den
Großfamilien schliefen meist mehrere Kinder in einem Bett. Als es ihm im Haus
mit elf Personen zu eng wurde, zog Adolf Hildmann ins Nebengebäude und schlief
dort unter dem Dach. Da war die Zudecke im Winter oft mit einer Schneeschicht
bedeckt. Als Unterlage diente ein Strohsack "der war besser als die
heutigen Matratzen...".
Wer fror, nahm sich einen Backstein mit ins Bett,
der zuvor in der Ofenröhre gewärmt wurde. Wenn's geschneit hatte, sind die
Langenleitener Kinder vor dem Schlafengehen häufig noch barfuß durchs Dorf
gelaufen - "danach waren die Füße warm ..." [...]
[Volksblatt
Würzburg, 07. 02. 2000]
Nach den Kindern nun
zum Garten [...]
18 Jahre hat er den Kindergarten Burgacker gehegt und gepflegt,
nun möchte sich Hans Fricker nur noch seinem eigenen Garten widmen. [...]
Gestern Morgen hat [...] in den Kindergarten eingeladen, um gemeinsam den 88.
Geburtstag des langjährigen Abwarts zu feiern. Sichtlich gerührt nahm er die
guten Wünsche der Kinder entgegen [...]
«Als ich in den Kindergarten ging -
das war zur Zeit des Ersten Weltkriegs - liefen wir von April bis tief in den
Herbst hinein barfuß», erzählte Hans Fricker den staunenden Kindern. Weil es
damals nur zwei Kindergärten im Städtchen gab, führte sein Schulweg über die
Holzbrücke. Wehe, man hob die Füße nicht, schon bohrten sich Holzspiesschen
ins nackte Fleisch. Damals seien die Kinder drei Jahre in die «Gvätterlischuel»
gegangen. «So schön wie ihr hier haben wir es allerdings nicht gehabt»,
meinte Berthi Fricker. [...]
«Wir haben zwar nicht so viele Spielsachen, dafür
die ganze Stadt für uns gehabt», erzählten Frickers. Der Rathausplatz sei
noch nicht geteert gewesen und im Sommer häufig abgespritzt worden. »Wenn der
Spritzenwagen kam, sind wir mitgelaufen und haben uns die Füße abspritzen
lassen», so Hans Fricker. War das ein Gaudi! [...] Während die Mädchen aus
Wasser und Geranienblättern Parfum brauten, spielten die Knaben ein
Steckenspiel ähnlich dem Mikado. Dies allerdings erst, wenn die Arbeiten, wie
Sitzflächen für Stühle flechten, Gülle ins Kabisland führen oder
Garbenseile knüpfen, erledigt waren. [...]
[Schaffhauser Nachrichten, 25. 03. 2000]
Das mühsame Sammeln
der Beeren war früher Aufgabe der Kinder [...]
Bald ist es soweit. Die
Heidelbeeren sind reif. Nicht mehr allzu viele trifft man heute, die sich die
Mühe machen, die vitaminreichen Beeren zu sammeln und daheim zu verarbeiten. Die Ursache dazu zu ergründen ist müßig. Am Fuchsbandwurm allein kann es aber
nicht liegen.
In eine Zeit, in der das Heidelbeersammeln wirtschaftlich
notwendig war, führt diese Geschichte. Es ist eine schlechte Zeit gewesen,
damals in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg [...] So nahm es nicht Wunder,
dass auch die Kinder früh gefordert waren, zum Unterhalt der Familie
beizutragen. Eine willkommene Gelegenheit war es deshalb, in der Heidelbeerzeit
die Wälder zu durchstreifen und durch das Sammeln der Beeren das Geld für
Schuhe und Kleidung zu verdienen.
Vom Frühjahr bis weit in den Spätsommer
hinein wurden die Schuhe ja geschont, das heißt, die Kinder liefen barfuß,
auch nach Schweighausen oder nach Schuttertal in die Kirche, bis 1923 die
Dörlinbacher ihre neue Kirche erbauten. Im Winter trug man die klobigen
Holzschuhe. Lederschuhe gab es nur zum weißen Sonntag oder zur Schulentlassung.
Nun war also wieder einmal Heidelbeerzeit, und es gab die großen
Heidelbeerferien. Jeden Morgen in aller Herrgottsfrühe zog der kleine Wilhelm
mit seinen Geschwistern und Kindern aus der Nachbarschaft los. Begleitet wurden
sie meistens von einem Erwachsenen. Jedes hat sein so genanntes
"Brechgeschirr" dabei und einen großen Korb, der am Abend voll sein
musste. [...]
Was mühevoll gesammelt wurde, musste natürlich auch, wie man
heute sagt, vermarktet werden. Die beste Gelegenheit war dazu in der fast 20
Kilometer entfernten Kreisstadt geboten, in der am Dienstag und am Samstag
Markttag war. An diesen Tagen zogen die Kinder schon früh um halb fünf mit
[...] einem zweirädrigen Karren [...] nach Lahr zu. In der Regel war auch ein
Elternteil dabei, um unterwegs oder in der Stadt noch Besorgungen zu machen.
Einfach war sie nicht, diese Tour mit dem "Heiwerekarre". Gab es doch
bis Seelbach keine geteerte Straße. Da musste gut aufgepasst werden, dass von
der wertvollen Fracht nichts verschüttet wurde, da auf der buckligen Straße
auch noch größere Steine lagen. Barfuß darüber zu laufen, war für die
Kinder auch kein Spaß. [...]
Endlich war das Ziel erreicht. Vom alten
Rathaustürmchen schlug es gerade acht Uhr. Nun ging es links hinab auf den
Marktplatz, auf dem schon ein lebhaftes Markttreiben zu verzeichnen war. [...]
Jetzt war es Zeit, den Rückweg ins hintere Schuttertal anzutreten. Vater
Fischer kaufte derweil noch beim Leder Wickert Holzschuhböden, Nägel und
sonstigen Schuhmacherbedarf. Nachmittags gegen halb zwei kamen die Kinder wieder
daheim an, erwartet von der Mutter, die das Essen schon gerichtet hatte. Aber
noch war kein Feierabend. "Ein paar Pfund ,Heiwere' müsst ihr schon noch
holen", hieß es [...]
[Badische Zeitung, 16. 06. 2000]
Barfuß hinter dem Spritzenwagen
Überraschendes bei uns: Früher mussten wegen Staub die Strassen bewässert
werden
Täglich etwas Regen wie diese Woche wäre früher willkommener gewesen. An heißen
Sommertagen war damals Straßenstaub eine fast unerträgliche Plage.
Strassen mussten mit Wasser bespritzt werden - was die Kinder anlockte. [...]
Alle sind sie hinter dem Spritzenwagen hergerannt. Keine älteren Rorschacher
und Rorschacherinnen, die sich nicht an dieses Vergnügen erinnern. Mit der
Redensart «Da bist Du ja noch hinter dem Spritzenwagen hergelaufen»
bezeichnete man das Kindesalter. [...]
«Für uns alle kam der Sommer so richtig mit dem Spritzenwagen. Zwei Rosse
zogen den schweren Zisternenwagen. Hinten spritzte das Wasser aus den Düsen
eines Röhrengestells über die gesamte Straßenbreite. Wir Kinder liefen hinter
dem Wagen her und kühlten uns die Füße. Wir erfanden auch Spiele: Wer
trockenen Fußes über die einzelnen Spritzstellen hüpfen konnte, war Sieger.»
Nach der Durchfahrt des Spritzenwagens lag der unverkennbare Geruch des Sommers
in der Luft. Der Staub wurde vom Wasser gebunden, die Strasse schien zu dampfen.
Noch heute lässt manchmal ein Gewitter auf heißen Asphaltstrassen jenen fernen
Geruch der Jugendzeit in die Nase steigen. [...]
Um die Staubplage zu bekämpfen, zirkulierten sowohl in Rorschach als auch in
Goldach Spritzenwagen im Auftrag der Gemeinde. [...] Die Wagen gehörten der
Stadt, die Fuhrhalter stellten Pferde und Geschirr. [...]
Johann Keller, heute 82 [...] hat noch heute das Anpöbeln von Straßenanwohner im Ohr: «Seid ihr zu faul? Wann fährt ihr endlich, der Staub liegt ja schon
zentimeterhoch.» Eigenmächtig losfahren war aber nicht gestattet. [...]
Auch für die Goldacherinnen Trudy Fabris und Agnes Gerosa ist der Spritzenwagen
eine starke Erinnerung: «Wir warteten mit Ungeduld. Kaum in Sicht, liefen
bereits Scharen von Kindern auf der Rietbergstrasse hinter dem Wagen her. Das
Peitschenknallen des Fuhrmanns konnte die barfüßigen Buben und Mädchen nicht
abhalten, die Beine unters Wasser zu halten.» [...]
Wie viel Staub früher auf den Strassen der Städte und Dörfer lag, bezeugt
eine alte Bauernregel: «Märzenstaub bringt Gras und Laub.» [...]
Das Ende der Spritzenwagenfahrten kam Anfang der Fünfzigerjahre. [...] Die
Naturstrassen wurden anfänglich mit einer öligen Beschichtung behandelt,
später geteert und fein bekiest, schließlich alle asphaltiert [...] die letzte
Spritzenwagenfahrt am 30. Juli 1952. Das Ende einer Ära.
[St. Galler Tagblatt , 29. 07. 2000]
Unnerwäggens
düör Riecke
Ein altes Schul-
und Kirchpättken blieb erhalten [...]
Außer den Straßen gab
es in jedem Dorf auch "Pättkes". Das sind schmale Wege, die durch
häufiges Gehen entstanden waren.
Der Name "Pättken" kommt von
dem Plattdeutschen "Pattke" und bedeutet Fuß. Mit den Pattken pattkete
man eben solche Pättkes aus. Wie schön und lautmalerisch das
Plattdeutsche klingt!
Die Pättkes sind in der Regel
sehr schmal und eignen sich auch gut zum Fahrradfahren. Als Kinder liefen
wir auf diesen Pättkes auch gerne barfuß, "pattkebarves". [...]
Wurde im Frühling der Esch
gepflügt, bahnten sich die Kinder mit ihren Holzschuhen das alte Pättken
neu. Niemand sagte etwas. Es gehörte zum ungeschriebenen Pättkesrecht.
[...]
Pättkes sind, so meinte Hein
Schlüter aus Hörstel, freundliche Züge im Gesicht der Heimat.
[...] [Ibbenbürener Volkszeitung, 27. 10. 2000]
"Schalke 04, Seele vom Revier" [...]
"Schalke 04 ist die Seele vom Revier", sang Ährwin Weiss, als "Mäusken
- Sänger" in den 70-er Jahren bekannt gewordene Ruhrpott - Barde und traf
damit voll in die Herzen seines Publikums: Der erste Seniorenstammtisch des
Arbeiter Samariter Bundes (ASB) war ein toller Erfolg und für (ältere) Schalke
- Fans unbedingt ein Muss. [...]
Die 70-er Jahre sind Klaus Fischer, dem erfolgreichsten Spieler und Stürmer aus
dieser Zeit bestens in Erinnerung [...] Als einen Höhepunkt nennt er die
Vizemeisterschaft 1972 gegen die Münchner Bayern. [...]
Gemeinsam mit Mannschaftsarzt Dr. Thorsten Rarreck durchleuchtete er das Thema
"Verletzungen". "Wir haben früher barfuß gespielt, hatten kräftige
Bänder und Sehnen", weiß er. Und der Arzt bestätigt:
"Heute stecken die Spieler von Kindesbeinen an in Fußballschuhen, haben
deshalb erhöhtes Verletzungsrisiko!"
[Ruhr Nachrichten, 07. 11. 2000]
Zweifel an Erschießung des
Kaisers von Mexiko
Maximilian soll als Justo Armas bis 1936 gelebt haben [...]
Wenn Rolando Deneke Recht behält, müssen sowohl in Mexiko als auch in
Österreich die Geschichtsbücher umgeschrieben werden. Dann starb Kaiser
Maximilian nämlich nicht durch die abgefeuerten Kugeln eines
Exekutionskommandos in Mexiko, sondern lebte noch glücklich und zufrieden bis
1936 im mittelamerikanischen El Salvador. Unter falscher Identität.
In mehrjährigen Forschungen hat der salvadorianische Hobbyhistoriker Rolando
Deneke zahlreiche Beweise für seine revolutionäre These zusammengetragen, die
mexikanischen Diplomaten zufolge "ernst zu nehmen" sind. Exekutiert
oder ...
Laut der offiziellen Geschichtsschreibung wurde Erzherzog Ferdinand Maximilian
aus dem österreichischen Herrscherhaus Habsburg - nachdem er von Napoleon III.
zum mexikanischen Kaiser gemacht worden war - am Morgen des 19. Juni 1867
zusammen mit seinen Generälen Miramon und Mejia auf dem "Hügel der
Glocken" in Queretaro exekutiert. Deneke stieß nun auf eine seiner Ansicht
nach seltsame Person, die 1868 unter dem Namen Justo Armas plötzlich in El
Salvador auftauchte und sehr germanisch aussah. Ja mehr noch: Die Person soll
unzählige Fotos des Kaiserpaares in Mexiko und edle Möbel sowie exquisites
Geschirr besessen haben, das teilweise die Insignien des Hauses Habsburg trug.
Diese Person, die immer barfuß ging, sei Maximilian gewesen, meint nun Deneke.
Das Barfußlaufen sei auf einen Schwur zurückzuführen, den Maximilian auf die
mexikanische Nationalheilige, die Jungfrau von Guadeloupe, geleistet habe, wenn
er "gerettet" würde.
Sein Leben verdanke Maximilian den jüngsten Forschungen zufolge einem Pakt mit
dem mexikanischen Präsidenten Benito Juarez. Beide seien Freimaurer gewesen,
daher habe Juarez seinem politischen Rivalen das Leben geschenkt. Beide hätten
damit ihre Ziele erreicht, meint der mexikanische Forscher José Manuel
Villalpando: Juarez hätte auch mit der Schein-Exekution und Maximilians
Versprechen, nie seine wahre Identität zu enthüllen, sein Vorhaben erreicht,
die Monarchie und europäische Ansprüche auf Mexiko für "tot" zu
erklären und die Republik zu festigen. Maximilian seinerseits hätte ein neues
Leben beginnen können, fern der Demütigung, der Gläubiger am Hof und seiner
geistig umnachteten Ehefrau Charlotte.
Deneke hat zahlreiche Beweise für seine Theorie zusammengetragen: Eine
Expertise der Handschriften von Armas und Maximilian ergab ebenso wie ein
Gesichts- und Schädelvergleich, dass es sich um ein und dieselbe Person
handelte. Deneke ließ zudem eine aus den Knochen von Justo Armas gewonnene DNA
mit Blutproben vergleichen, die Nachfahren aus dem Hause Habsburg zur Verfügung
stellten. Obwohl die DNA von Armas durch Mikroorganismen verunreinigt war, ergab
sich eine große genetische Übereinstimmung. [...]
[Der Standard, 23. 03. 2001]
In der FN-Serie über das alte Fürth werden
Erinnerungen an die Straßenkinder wach
Abenteuer auf einfachem Pflaster
Prima Unterhaltung ganz ohne Technik [...]
Die Geschichten zu den Bildern stammen vom langjährigen Fürther Stadtrat Hans
Lotter. Er kennt die näheren Umstände der einzelnen Szenen noch aus eigenem
Erleben. Diesmal erinnert er sich an die "Straßenkinder" von Fürth.
Allerdings verbindet er mit dieser Bezeichnung in erster Linie kein soziales
Elend, sondern assoziiert damit den beliebtesten Aufenthaltsort der jungen
Fürther – als die Blechlawine das Kinderspiel noch nicht vom Straßenrand
verdrängt hat, als noch kein Heimcomputer im stillen Kämmerlein handfesten
sozialen Kontakten den Rang ablief.
Vom Tun und Treiben der Fürther Altstadtkinder in den schweren Jahren nach Ende
des verlorenen Ersten Weltkrieges erzählen die hier betrachteten alten
Aufnahmen. Sie machen so manches offensichtlich von der Armut und Not dieser
Zeit. Die Kinder auf den Bildern sind durchweg barfüßig, ihre Kleidung ist
dürftig und abgetragen.
Ihr Zuhause war zumeist eine kleine, überbelegte Wohnung – eine räumliche
und atmosphärische Enge, in der sie sich eingeschränkt und gehemmt fühlten.
Sie suchten daraus zu entkommen, sobald, sooft, solange Umstände und Wetter
dies zuließen. Im freien Zusammen- und Verbundensein mit Kindern aus der
Nachbarschaft wurde die Straße zu ihrem zweiten Zuhause. Man nannte sie
Straßenkinder, dies war aber nicht abschätzig gemeint, eher ein wenig
zutraulich.
Sie waren an allem interessiert, was sich zutrug in ihrer Straße, und wussten
über alles Bescheid. Wo immer was los war, standen sie vorn dran. Ihre Spiele,
mit bescheidenem Zubehör und ganz ohne Technik, waren harmloser Art. Ein alter
Reifen zum Drehen, ein kleiner Ball, mit dem durch den ganzen freien Straßenzug
unbehindert und nichtbehindernd "Treiben" gespielt werden konnte,
waren schon ein Höhepunkt. Die Mädchen malten mit Kreideresten von der
Schultafel eine Kombination von Kreisen und Rechtecken auf den Gehsteig, in die
nacheinander ein Kettchen geworfen und auf einem Bein hüpfend wieder
zurückgeholt werden musste. Oder sie warfen einen Gummiball gegen die Hauswand,
und bis zum Wiederauffangen mussten Sprüche aufgesagt und bestimmte Bewegungen
vollführt werden. [...]
Die Zeit zog über die Welt und auch den Geist der Straßenkinder von einst
hinweg. Augenblicksbilder blieben zurück und wecken Erinnerungen.
[Fürther Nachrichten, 17. 04. 2001]
Die Schulreisen waren
das Allerschönste
Jeden Sommer durften die Gaiser Schüler auf die Schulreise. Jede Klasse mit
ungefähr 30 Mädchen und Buben für sich allein. Je älter, desto weiter. Das
war ein ungeschriebenes Privileg.
Je früher der Lehrer davon erzählte, desto länger war die Freude. Wenn es
dann endlich, endlich so weit war, auf dem Hohenegghügel die Reisefahne
flatterte, dann konnte es losgehen. Dann gab es eine Bahnfahrt. Eventuell eine
Schifffahrt auf dem alten Rhein oder sogar auf dem unheimlich großen Bodensee.
Eine neue, unbekannte Welt tat sich auf, auch wenn es im Appenzellerland selber
war [...]
Beim Laufen über Hügel und Täler gab es kaum Blatern. Und wenn schon, dann
lief jedes barfuß. Vom Frühling bis zum späten Herbst ging ganz logisch und
gern jedes barfuß in die Schule [...]
Es war in der dritten Klasse mit 14 Mädchen und 18 Buben. An einem schönen
Mittag kamen einige Schlaue überein, folgenden Vers mit der Kreide auf die große
Wandtafel zu schreiben:
«Das Wetter ist schön, der Himmel ist blau,
Herr Lehrer wir möchten gerne spazieren gehen.
Lieber im Freien schwitzen,
als auf der harten Schulbank sitzen.»
Wir waren gespannt, wie da der gute Lehrer Sonderegger reagieren möge. Er las
es, schaute uns lange, aber väterlich an und sagte: «Jawohl, das mached mir.»
Wir jubelten aus Herzenslust und klatschten in die Hände. So ging es dann barfuß
über Zwislen und den Hackböhl in den Hirschbergwald, die Hälfte der Buben übermütig
immer dem Waldweg entlang voraus. Es war als hetzten wir einander. Wir hatten es
wie die Schafe. Vom Lauschen der Vogelstimmen keinen Deut und vom Schulresten
weiter hinten war bald nichts mehr zu hören [...]
Der Starkenmühlebauer Fitzi schaute uns vielsagend an. Er war ein Freundlicher.
Dazu noch ein Guter. Er schenkte jedem ein Glas neuen Most, der eben aus der
Presse lief. Oh, das tat bis zum großen Zehen gut. Durst hatten wir zur Genüge
und beklemmende Gefühle ebenfalls. Dem Lehrer wollten wir doch absolut keinen
Ärger bereiten.
Jetzt aber sofort den weiten Weg zurück zum Schulhaus, um dort unsere große
Reue zu zeigen und Abbitte zu leisten. Otto Kaiser war da etwas besser dran.
Sein Geldsack erlaubte ihm und seinem Spezialkollegen Walter Etzensberger, den
Zug Altstätten-Gais zu besteigen. Wir schafften es selbstverständlich mit den
Füssen. [...]
So geschehen und erlebt im Herbst 1931 von Josef Dähler Hubacker [...]
[Tagblatt, 14. 06. 2001]
Meister Grünwald zeigte gestern alte Handwerkskunst im Freilichtmuseum
Mit viel Gefühl am Webstuhl
KREIS VIERSEN (RP). Klack, klack düst der Schützen mit der ablaufenden Spule
des einzuschießenden Fadenmaterials mit einer Geschwindigkeit von 45 Schlag pro
Minute von Webkammer zu Webkammer. Barfuß die Pedale tretend, mit der einen
Hand den Webkamm hin- und herführend, während die andere den Zug zum
regelmäßigen Abschießen des Schützen betätigt, demonstriert Webmeister
Manfred Grünwald sein uraltes Handwerk.
Laut Brockhaus wurde der älteste Webstuhl der Alten Welt um 6000 vor Christus
gefunden. "Früher arbeiteten die Weber nicht nur barfuß wegen der
größeren Sensibilität für die Mechanik, sondern auch in Unterhosen. Die
waren nahtlos und verhinderten so die sonst nach dem ewigen Sitzen
unvermeidlichen Schwielen am Hintern", erzählt der Meister.
Fasziniert schauen ihm die Besucher im Haus Waldniel des Grefrather
Freilichtmuseums Dorenburg über die Schulter. Die fein abgestimmten,
ineinandergreifenden Getriebe des wurmstichigen Webstuhls, auf dem laut
Grünwald etwa 1850 die ersten Webarbeiten entstanden, ziehen sie in ihren Bann.
"Jeder Webstuhl hat seinen eigenen Rhythmus. Bei zu hoher
Schussgeschwindigkeit läuft der Weber Gefahr, dass die Fäden sich
verknoten", erklärt Grünwald. Es gehört eine Menge Einfühlungsvermögen
und Routine dazu, die Gewebe gleichmäßig zu weben.
Manfred Grünwald ist Webmeister in der sechsten Generation [...] 25 000 Mark
kostete allein die Sanierung des historischen Webstuhls, und eine der 1 764, zum
Durchziehen der Webkettfäden benötigten Litzen kostet 1,35 Mark.
"Ein Meter Gewebe braucht zirka eine Stunde reine Webzeit plus jeweils
einer Stunde Vor- und Nachbereitung", erklärt Grünwald [...] Jedes seiner
Gewebe aus reinem Leinen - ob Set, Handtuch, Tischdecke bis zur Bettwäsche -
ist ein Unikat: "Nicht billig, aber preiswert, weil qualitativ hochwertig
und unverwüstlich."
[Rheinische Post, 23. 07. 2001]
Barfuß der Sonne entgegen
Die Darmstädter Mathildenhöhe feiert mit einer großen Schau die
Lebensreform-Bewegung [...]
Die Zeit des unschuldigen Blicks ist vorbei. Die gängigen gesellschaftlichen
Utopien sind, durch ihre Überführung in die Praxis, denunziert. Praxis macht
die Idee nicht schlechter, verweist sie nur in den Bereich der Utopien, wohin
sie gehört. Leider ist es auch so mit der Bewegung der Lebensreform, die ein
fast unüberschaubares Konglomerat verschiedener Ideen vereinigte. Dabei waren
es passable Ideen, die da Anfang des 20. Jahrhunderts geboren, propagiert und
gelebt wurden: Ideen von Schönheit, von schönen Menschen, von sich bewusst
ernährenden, sportlichen, natürlichen Naturliebhabern, die barfußtanzend die
Sonne anbeteten, weite Kleider trugen, sich das Korsett vom eingeschnürten
Leibe rissen, völlig befreit den Morgentau traten und ihre Seelen pflegten.
[...]
Die Vorfahren dachten, dass wir erreichen würden, wovon sie träumen:
Krankheiten besiegen, schön sein, Frieden, soziale Probleme lösen, kurz
gesagt, das Paradies auf Erden schaffen.
Sie selbst haben die Utopie kurz nach ihrer Entstehung gründlich zerstört.
Jedenfalls führt eine deutliche Spur von diesem Geist der Jahrhundertwende auch
zur Ideologie des Nationalsozialismus. Was Körperertüchtigung, was
Verherrlichung des schönen, perfekten Körpers war, wurde zur Verurteilung und
dann zur Auslöschung des Unvollkommenen. Was unschuldig zur Anschauung und
Bildung gedacht war, wurde zur Rassenideologie. [...] Der Reformbewegung war,
bei aller philanthropischen Naivität, der Hang zum nordischen Übermenschentum
bereits eingeschrieben.
So schwer fassbar, belastet und komplex ist das Thema, dass sich bisher niemand
an eine umfassende Ausstellung wagte. Die Darmstädter Mathildenhöhe, die Stein
gewordene Lebensreform, hat es versucht und feiert die Zeit der Lebensreform in
einer riesigen Schau. [...] Wirklich akribisch und Kosten nicht scheuend (1,3
Millionen Mark wurden von der Stadt für die Ausstellung aufgewendet) hat
Darmstadt zusammengesucht, was Lebensreform um 1900 bedeutete [...] Doch der
Mut, der in Darmstadt aufgewandt wurde, reicht nicht. Drohend steht über allem
das "Danach", das in der Ausstellung weitgehend ausgeblendet wurde.
[...]
[Die Welt, 12. 11. 2001]
St.-Annen-Museum sammelt kuriose Souvenirs: So
kitschig ist das Holstentor [...]
Lübeck - Bierhumpen, Tassen, Schneekugeln: Das St.-Annen-Museum sucht Nippes
rund ums Holstentor - für eine große Kitsch-Ausstellung.
Was zierte den Fünfzig-Mark-Schein, wäre um ein Haar (besser: um eine Stimme)
1863 abgerissen worden und gilt heute als das Lübecker Wahrzeichen schlechthin?
Richtig: das Holstentor. Kaum ein Ort in Lübeck, den mehr Touristen aufsuchen
als das berühmte Backstein-Gebäude. Kein Wunder also, dass das wuchtige
Wehrtor auch zum beliebten Miniatur-Mitbringsel für Souvenir-Sammler geworden
ist - und in Kürze sogar der Star einer Ausstellung sein wird. [...]
Besonders stolz ist Rodiek auf einen über 100 Jahre alten Zettel, auf dem der
Wegezoll verzeichnet ist, der für das Durchschreiten des Holstentores zu
entrichten war: fünf Pfennig barfuß, 20 Pfennig mit Schuhwerk. [...]
[Lübecker Nachrichten, 07. 02. 2002 ]
Eine nachahmenswerte Preispolitik! Was uns heute gut gefallen würde, hatte
aber sicherlich unerfreuliche soziale Hintergründe (barfuß =
arm, beschuht =
wohlhabend). Da zahle ich dann doch lieber Einheitspreise!
Aus dem Archiv des Sobernheimer Anzeigers [...]
Vor 75 Jahren, Februar 1927
Als Barfußreisenden um die Welt stellte sich auf dem hiesigen Bürgermeisteramt
ein sonderbarer Kauz, Heinrich Wichmann aus Hamburg, vor. Dem jungen Manne, der
barfuß die Welt durchzieht, winken für diese Leistung, die er sportlich nennt,
nach 5 Jahren, am 14. April 1930, 18000 RM., die durch Vermittlung einer Zeitung
in Malmö von dem Hamburger Sportklub ausgezahlt werden sollen.
Seit Beginn der Reise am 14. April 1925 hat der Barfüßler 29000 Kilometer
zurückgelegt durch die deutschen Ostseeprovinzen, die Randstaaten,
Skandinavien, Holland, Belgien, Frankreich, Schweiz, Österreich, Polen,
Rumänien, Türkei, Schwarzes Meer, Anatolien, Kleinasien, Syrien, Griechenland,
Jugoslawien nach Deutschland, von wo es weitergehen soll über Frankreich,
Spanien, Afrika, Indien, China, Australien, Amerika, England. Zuerst nahmen an
der Fußreise 3 Teilnehmer teil, einer starb unterwegs, der andere gab sie im
Dezember auf.
In Syrien wurden die Reisenden von den Drusen bis auf die nackte Haut
ausgeraubt. Wichmann, der gerade aus dem St. Wendeler Krankenhause nach kurzer
Erholung entlassen ist, bestreitet seinen Lebensunterhalt aus dem Verkauf von
Karten. Er ist die Reise schon herzlich satt, will aber nach all den langen
Mühen die winkenden 18 000 RM. nicht aufgeben. Sein Wanderbuch, in dem die
polizeilichen Meldungen aus aller Herren Länder eingetragen sind, weist die
Richtigkeit seiner Erzählungen genau nach.
[Main Rheiner, 19. 02. 2002]
RUND UM DIE FAMILIE: Endlose Zeit . . .
Fast endlos erschienen uns, als wir einst Volksschüler waren, die Sommerferien.
Und wer erinnert sich nicht daran, dass Sommerferien so viel bedeutet hat, wie
innigster Kontakt mit der Natur: barfuß in Gärten, in Wäldern - und das fast
immer mit anderen Kindern.
Eine meiner Erinnerungen an jene Zeit war diese: Wir durften die Nachbarskinder
auf die Weide begleiten, um mit ihnen gemeinsam die Kühe zu hüten. Es galt
darauf Acht zu geben, dass die Rinder nicht ins Kleefeld stürmen, sich dort
überfressen und an einer Kolik verenden. Die Zeit aber, während die Kühe
gemächlich weideten, war für uns niemals langweilig. Und das ist der
springende Punkt!
Eltern von heute fürchten nämlich, dass ihre Kinder die Sommerzeit
"absitzen" werden, vor dem Fernsehgerät und Computer. Da würde man
sich wünschen, dass diese beiden "Krücken der Fantasie" auch einmal
Sommerpause bekommen! Warum? Ganz einfach, damit die Kinder erleben können,
dass in ihnen zahllose schöne Ideen und Fantasien schlummern, die nur geweckt
werden müssen. Und dann könnte auch für Kinder von heute aus den Sommerferien
eine paradiesische Zeit werden.
[Kleine Zeitung, 09. 07. 2002]
Barfuss durch eine karge Zeit
«Die Barfüssler» nennt Paul Hugger die Jugenderinnerungen, die er gesammelt
und zu einem bewegenden Rückblick vereint hat: «Eine Jugend in St. Gallen
1939-1945». [...]
Sie lebten in kleinen Wohnungen, schliefen zu dritt in der gleichen Kammer,
hatten kaum Schuhe, gingen das halbe Jahr barfuss, hungerten - die Mehrzahl der
St. Galler Kinder erlebte die Weltkriegsjahre als entbehrungsreiche Zeit.
Dennoch hatten die wenigsten das Gefühl, sie lebten in Not. Höchstens dass man
unter den Frostbeulen litt, die sich in der Kälte gebildet hatten; oder dass
sich der Bub schämt, wenn er beim Einkauf in der Bäckerei schon wieder
anschreiben lassen muss.
Wie war es damals?
Wie war es damals in St. Gallen, als Europa vom Krieg überzogen war? Paul
Hugger hat die Frage aufgegriffen, in einem ganz besondern Sinne. Er selber
gehörte einer Bubenklasse an, die in jener Zeit beim Lehrer Emil Traugott
Fischli (1880-1966) in die Schule gegangen war. Hugger fühlte sich zwar immer
etwas am Rand, hing seinen Träumen nach. Doch als sich die Klasse Jahrzehnte
später zu Zusammenkünften traf, da berührte es ihn, dass sich Kameradschaft
über ein halbes Jahrhundert hinweg bewähren kann. Als dann zudem - von außen und innen - immer dringlicher die Frage nach der schweizerischen Vergangenheit
gestellt wurde, reifte bei Hugger der Plan, die Buben von damals zu interviewen,
um die 18 Erinnerungen mit seinen eigenen zu einer Gesamtschau zu verweben.
Blick des Volkskundlers
Paul Hugger war als Volkskundler Professor an der Universität Zürich, kannte
also die Gefahr, dass beim Blick zurück Geschichten nicht nur erzählt, sondern
auch interpretiert oder vergoldet werden. Indem er nun aber die Interviews nicht
nebeneinander stellt, sondern die vielen Gedächtnisse miteinander vergleicht,
zusammenführt, verweben sich die Einzelerinnerungen zu einem gültigen Bild.
Kommt hinzu, das das Buch mit vielen Anmerkungen versehen ist [...]
Das Buch ist aus einem wissenschaftlichen Ansatz heraus entstanden; geschrieben
wurde es aber ohne theoretischen Ballast. Es erzählt direkt, spannend - und
bewegt.
Paul Hugger: «Die Barfüssler. Eine Jugend in St. Gallen 1939-1945»,
Limmat-Verlag
[Appenzeller Zeitung, 05. 10.2002]
In der gleichen Ausgabe erschien auch dieser kurze Beitrag, vielleicht ein
Zitat aus dem Buch ?
Barfüßler berichten
«Das Barfußgehen gehörte zum alltäglichen Erscheinungsbild der damaligen
Stadt. Bis in die Sekundarschule gingen Jungen und Mädchen sommers so zur
Schule. Die mit Leinöl getränkten Holzböden der Schulzimmer färbten die Fußsohlen
braun - den Rest besorgten die Teerflecken -, und vor allem jüngere
Schüler schlugen sich an den Randsteinen die großen Zehen wund ...
Nicht alle unter uns liebten das Barfußgehen ... Aber die meisten von uns
schätzten es, und wenn der Asphalt im Sommer glühte, dann beschleunigten wir
unsere Schritte oder wählten schattige Stellen aus. Nie wieder haben wir einen
solch sinnlichen Bezug zum Boden, zur Strasse gehabt oder zu den kühlen
Steinplatten des zentralen Stiegenhauses im Leonhardschulhaus ... Bruno Isenring
verneint die Frage, ob man sonntags auch barfuss in die Kirche gegangen sei, sie
hätten dafür Schuhe anziehen müssen. Die hätten einen gedrückt, man habe sie
nicht gerne getragen und sei froh gewesen, wenn man sie nachher gleich wieder
ausziehen konnte ...»
[Appenzeller Zeitung, 05. 10.2002]
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