Schusters Rappen bleiben meist im Stall
Die Sinneslust treibt einen Waiblinger an, barfuß zu gehen
WAIBLINGEN. Schuhe sind Knäste - zumindest für passionierte Barfußläufer
wie Kai Dörfner. Der Mann aus Waiblingen geht bloßen Fußes, wo und wann immer
es nur irgend geht.
Von Kathrin Wesely
Es ist ihm ein bisschen peinlich, ausgerechnet dann Schuhe tragen zu müssen,
wenn er übers Barfußlaufen reden soll. Aber im Büro lässt sich das nicht
vermeiden. Dörfner sitzt im vierten Stock der Evangelischen Gesellschaft in der
Stuttgarter Büchsenstraße. Er ist fürs Marketing und das Fundraising der
Gesellschaft zuständig. Da kommen auch mal Leute vorbei. "Die nackten Füße
würden zu sehr vom Gespräch ablenken", rechtfertigt der 37-Jährige seine
Fußbekleidung.
Die Reise zum Büro tritt er allmorgendlich per S-Bahn an. Wenn das Thermometer
die zehn Grad erklommen hat, bleiben die Schuhe im Rucksack. Schnee, Eis und
Minusgrade gibt sich Dörfner nicht. "Ich bin ja kein Dogmatiker." Er läuft
barfuß, weil"s ihm gut tut und Freude bereitet. Zu den Leuten, denen
Schmerz Lust verschafft, zählt er nicht. Gesundheitliche Gründe, deren es
viele aufzulisten gäbe, seien für ihn nicht ausschlaggebend. Orthopäden
sagen, dass Barfußlaufen Senk- und Spreizfüßen vorbeuge - sofern man nicht
auf Asphalt, sondern auf unebenen Böden geht. "Selbst Kopf- und Rückenschmerzen
können eingedämmt werden", sagt Dörfner. Sebastian Kneipp meinte, ein
empfindlicher Kältereiz an den Sohlen rege die Durchblutung an. Viele Nervenstränge
enden an den Fußsohlen, sie immer in Socken und Leder zu verknebeln, sei nicht
gesund. Vor allem aber werde der verpackte Fuß einer ganzen Anzahl sinnlicher
Reize beraubt.
Wenn also Dörfner morgens in der S-Bahn sitzt, wird er häufig in Gespräche
verstrickt. Er weckt die Neugier - "insbesondere von älteren Leuten, die öfter
mal in Gesundheitsmagazinen wie der Apothekerzeitschrift blättern". Die
Rede komme rasch auf die Gefahren - Splitter, Scherben und Hundedreck. "Ich
bin eine Woche durch London spaziert und nirgends reingetreten. Ich trete auch
sonst nirgends rein. Denn ich habe so etwas wie einen siebten Sinn entwickelt:
Ohne immer den Blick auf den Boden richten zu müssen, erkenne ich, wenn
Scherben herumliegen."
Man muss auch nicht überall barfuß rumlaufen, sagt Dörfner. Von einem
Spaziergang über den Waiblinger Marktplatz nach dem Altstadtfest rät er
beispielsweise dringend ab. Für den Notfall hält Dörfner außerdem immer ein
paar Schuhe im Rucksack parat. Außerdem werde die Haut mit der Zeit ledriger
und härter, so dass die Gefahr, sich zu verletzen, geringer würde. Ihm ist
aufgefallen, dass "seit der Einführung des Dosenpfandes mehr Scherben
herumliegen".
Eine gerne gestellte Frage ist ferner die nach dem Fußpilz. Dabei seien gerade
Schuhe das Biotop, in dem Fußpilze gedeihen: "Viele ziehen im Hallenbad
extra Latschen an. Aber darin schwitzen die Füße, und es ist feucht - also ein
optimaler Nährboden. Nackte Füße dagegen sind immer an der frischen Luft,
sind trocken, stinken nicht und kriegen keine Pilze."
Aber das Gesundheitliche ist für Dörfner, der seine Füße seit 1999 wann
immer möglich in Freiheit entlässt, ja nur Nebenaspekt. Barfußlaufen
sensibilisiere. Brach liegende Sinne würden geweckt. Man erschreite sich förmlich
neue Facetten der Welt. "Wissen Sie, welche Bodenbeläge in den Stuttgarter
Kaufhäusern liegen? Wie es sich anfühlt, vor einem Kühlregal zu stehen? Und
wissen Sie, in welchen Läden die Füße am schmutzigsten werden?" (Lösung
laut Dörfner: In Supermarktdiscountern wie Aldi und Lidl).
Immer noch würden nackte Füße als unschicklich gelten. Sie röchen nach
Armut, obwohl sich heute in der westlichen Welt jeder noch so arme Schlucker
Schuhe leisten könne, sagt Dörfner. Nur manche Ältere könnten noch von
kargen Zeiten berichten, in denen die Kinder barfuß zur Schule gingen. Und noch
etwas dürfte ein Hemmschuh für die flächendeckende Durchsetzung der Nacktfüßlerei
sein: Lange galt der Fuß als quasi erogene Zone des Körpers. Jahrhunderte hat
es gedauert, bis sich die Zehenspitzen der Damen durchs Leder gearbeitet hatten
und neckisch rote Nägel das Licht der Welt erblicken durften. Aber heute? Wen
außer einer Hand voll Fetischisten bringt ein bloßer Fuß noch aus der
Fassung?
Irrationale Widerstände sind es also, gegen die Dörfner und Gleichgesinnte
anreden müssen. Schimären aus längst vergangenen Epochen. Ästhetische
Argumente spielen für Dörfner eine eher untergeordnete Rolle. Dass es dem
Sexappeal eines Mannes in Schlips und Anzug abträglich sein könnte, die hohen
Schuhe fürs Gesamtoutfit einer Frau ("artistisch spannend") unabdingbar
sind, erscheinen ihm vernachlässigbare Aspekte. Dörfner ist mehr der
Pragmatiker. Aber kein Dogmatiker, wie er betont. Er ziehe weder seiner Frau
noch seinen Kindern die Schuhe aus. Barfußlaufen ist für ihn keine
Weltanschauung, sondern lediglich eine gesunde Sache, die ihm Freude bereitet
und die Lebensqualität steigert. Trotzdem freut er sich, wenn sich andere der
Barfüßlerei anschließen. Mit der grassierenden Flip-Flop-Mode sei die
Gesellschaft ja schon auf einem guten Weg: "Ein Flip-Flop ist ja im Grunde
genommen ein verkleideter "Barfuß".
Weitere Infos zum Thema "barfuß" finden sich auf der Internetseite von
Kai Dörfner www. thoreau.de sowie unter www.hobby-barfuss.de und
www.barefooters.org.
(Stuttgarter
Zeitung, Ausgabe für den Rems-Murr-Kreis, 31. 05. 2005)
Die Autorin hat zwar so manche Info
etwas wild aus verschiedenen Quellen zusammengewürfelt und nicht jedes Zitat
ist so gefallen, aber was solls ... (z.B. fahre ich zwar oft barfuß S-Bahn,
aber eigentlich nie auf dem Arbeitsweg)
Grüße
Kai
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