Barfuß laufen: Gesund und salonfähig [...]
Es gibt viele Gründe, barfuß zu laufen. Ein kleinerer Mann als Begleiter kann
einer sein. Nicole Kidman zog vergangene Woche in Cannes kurzerhand die
hochhackigen Stilettos aus. An der Hand von Lars von Trier - der nicht größer
ist als Kidmans Ex-Mann Tom Cruise - schritt sie zur Premiere des gemeinsamen
Films "Dogville" mit nackten Füßen über den roten Teppich. Das war
sehr lässig, trotzdem ganz comme il faut und natürlich mal wieder von Kopf bis
Fuß erotisch.
Auch andere Hollywood-Stars wie Julia Roberts und Cindy Crawford sind bekennende
Barfüßlerinnen, und es spricht nichts dagegen, es ihnen nachzutun. Denn
barfuß gehen ist gesund. Gerade in den letzten Jahren sind in Deutschland
zahlreiche so genannte Barfußpfade entstanden, extra angelegte Parcours über
Erde, Gras, Kies und Wasser, die einem die Wonne einiger Stunden auf bloßen
Füßen bescheren - für manche ein Stück Kindheit, für alle
Fußreflexzonenmassage der besonderen Art. "Ein richtiger Boom" sei
das, bestätigt Lorenz Kerscher, der auf der Internetseite www.barfusspark.info
alle deutschen Fuß-Wanderwege auflistet.
Die Zeiten, in denen das Barfußlaufen einen eher zweifelhaften Ruf genoss, weil
Hippies oder Studenten an unmöglichen Orten ohne Schuhe auftauchten, sind
vorbei. Bloße Füße, so sie denn picobello gepflegt sind, können heute
durchaus ausgehfein sein - was nicht heißt, dass man mit ihnen gleich in die
Oper gehen sollte.
Trotzdem gibt es keinen Grund, sich seiner Füße zu schämen. Läuft man
längere Zeit ohne Schuhe, erledigen sich auch Probleme wie Schweiß oder
Fußpilz von selbst.
Schuhe wurden erst in der Antike erfunden, vordem liefen alle Menschen barfuß.
Die Ablehnung nackter Füße stammt erst aus der Neuzeit. In Preußen galt es
schon als unschicklich, wenn Kinder einen Bach barfuß durchwateten - dabei
sollten besonders Kinder barfuß laufen, um ihre Füße auszubilden. Und dass
Wassertreten gesund ist, weiß man spätestens, seit Sebastian Kneipp 1892 sein
Opus "Wasser-Kur" veröffentlichte. Der Pfarrer empfahl unter anderem
das Gehen mit bloßen Füßen in nassem Gras oder in neu gefallenem Schnee als
ideales Abhärtungsmittel.
Barfuß gehen kräftigt zudem die Fußmuskulatur. Über die nackten Fußsohlen
werden Reize aufgenommen, Stöße und Unebenheiten automatisch ausgeglichen.
"Der natürliche Bewegungsablauf wird aktiviert", erklärt der
Orthopäde Dirk Hartz. Das schützt die Bandscheiben vor Abnutzung, stärkt die
Rückenmuskeln und korrigiert Fehlstellungen der Füße, wie etwa die weit
verbreiteten Senk- und Spreizfüße. Solche positiven Effekte erzielt man jedoch
nur auf einem natürlichen Grund. "Barfußlaufen auf Beton ist genauso
schlecht, wie in Schuhen zu laufen", sagt Dirk Hartz.
Absolut zu empfehlen sind nackte Füße also in der Wohnung, unter dem eigenen
Schreibtisch im Büro und natürlich in der Natur. Nichts geht über einen Tag
barfuß im eigenen Garten, wenn die Grashalme die Zehen kitzeln. Nur eines
sollte man bei aller Begeisterung beachten: Rasen mähen bitte auch in Zukunft
nur mit Schuhen.
[Welt am Sonntag, 01. 06. 2003]
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Füße, zur Sonne, zur Freiheit!
Selbst Flip Flops sind tabu: In der Dauerbarfußgänger-Szene ist jegliche
Fußbekleidung verpönt. Auf nackten Sohlen wandern ihre Anhänger durch die
Stadt, meiden Schotterwege und rasten auf Blindenhilfen an Ampeln, weil die
Rillen von unten lüften
von CHRISTIN GRÜNFELD
Schon das Hinschauen schmerzt. Füße, Größe 45, setzen Schritt für
Schritt auf die heißen Pflastersteine am Helmholtzplatz. In der Mittagshitze
könnte man hier Spiegeleier braten. Thomas zuckt nicht zusammen. Souverän
marschiert er auf ein Straßencafe zu. Seine Füße müssen einiges aushalten,
er ist ein kräftiger Typ.
Bekleidet ist er normal: Shorts, weites T-Shirt und sportliche Sonnenbrille.
Ein freundliches Lachen auf dem breiten Gesicht. Er könnte als Tourist
durchgehen, mit einem Unterschied: Ihm fehlt etwas. Etwas sehr Entscheidendes.
Er trägt keine Turnschuhe oder Flip Flops. Thomas ist barfuß. Und das nicht
zufällig, er ist Dauerbarfußgänger - nicht ganz, ein silberner Schmuckring
ziert den rechten Mittelzeh.
Im Cafe erregt er barfüßig keine Aufmerksamkeit, nicht in Prenzlauer Berg.
Hier wächst die Nacktfußszene. Freie Menschen mit befreiten Füßen wandern
umher, gelebter Antikonsum vereint sich mit dem Sieg über eine Konvention.
Zwischen barhäuptig und barfuß liegt ein Jahrhundert.
Kein Tick, kein Fetisch, für Thomas ist es pure Freiheit und ein Stück
Genuss. Einfach Lebensqualität. Haptische Reize gebe es kaum noch in unserer
Umwelt, erklärt Thomas: "Selber schuld, wir haben sie alle ausgeschaltet.
Kein Kind würde freiwillig auf die Idee kommen, Schuhe zu tragen. Die meisten
reißen sie am Anfang wütend wieder ab." Gesund sei es ohnehin, die
Fußmuskulatur würde geschult und Fehlstellungen natürlich entgegengewirkt.
"Senk- Spreiz- und Plattfuß, ade! Fußpilze fühlen sich in feuchtwarmen
Schuhen am wohlsten", sagt er.
Zu den radikalsten "Freigängern" gehört er nicht. Der Ausbruch
aus dem Alltag des Diplomingenieurs erfolgt pünktlich am Feierabend, genauer
beim Betreten seiner Wohnung. "Im Job habe ich Kundenkontakt. Barfuß
hätte ich ein Kompetenzproblem, das Vertrauen sinkt ohne Schuhe", so
Thomas. Während er an elektrotechnischen Apparaturen schraubt, trägt er
deshalb Lederschuhe.
Anders in der Freizeit, da ist er kompromisslos, seit fast 20 Jahren.
Angefangen hat er während des Studiums. "Verschiedene Untergründe
erzeugen unterschiedliche Gefühle. Das mag ich. Am liebsten laufe ich über
weichen Waldboden, Wiesen, durch die Natur eben", schwärmt er. "In
Stadtparks meide ich Junkie-Zonen, es liegen schon mal Nadeln im Gras. Scherben
sind kein Problem, die spüre ich gar nicht mehr." Auf die Frage, ob er
eine extreme Hornhaut habe, antwortet er mit klarem Nein: "Meine Sohlen
sind aus strapazierfähiger Lederhaut. Hornhaut ist tote Haut, die bleibt nur an
beschuhten Füßen kleben." Bei größeren spitzen Gegenständen wie
Metallstücken trete er instinktiv nicht voll auf, "dann nehme ich den
Power raus, bevor ich mir etwas eintrete", so Thomas. "Neueinsteiger
konzentrieren sich auf jeden Schritt. Ich schaue nicht permanent auf den Boden.
Mit Schuhen geht man auch etwas vorausschauend, es ist genau der gleiche Slalom
um die Hundescheiße wie mit Tretern." Einmal habe er sich einen Splitter
eingefangen, ein Fakir sei er nicht. Er fährt barfüßig Fahrrad, kauft bei
Ikea ein, benutzt Rolltreppen.
Thomas spaziert los. In der Mitte des Helmholtzplatzes kreuzt ein anderer
Barfüßer seinen Weg. Die Szene kennt ihre eigenen Grüße, aber dafür ist es
jetzt zu heiß. Man wünscht zum Beispiel: "Einen schönen Fuß!"
Kopfsteinpflaster auf der Raumer-, Sandstellen auf der Schliemannstraße und
Splitt auf der Danziger. Den hasse er, sagt Thomas, Schotter tue sogar ihm weh.
Die Blindenhilfe an den Ampeln benutze er als Kaltflächen, weil die Rillen von
unten lüften.
"Die schönste Saison ist der Frühsommer oder Herbst, aber die meisten
Menschen befreien erst jetzt ihre Füße. Die Hitze legitimiert die
Barfüßigkeit, die Hemmschwelle sinkt", vermutet er.
Im Internet chattet die Barfußgemeinde im Forum über Themen wie
"Öffentliche Toiletten meiden", "Barfuß Autofahren" oder
organisiert Berlin-Sightseeings. Wanderungen vom Alex bis ins Kanzleramt. Der
Kanzlergarten sei ein "hervorragendes Sohlentraining", so eine
Chatterin. Barfüßige Hochgefühle erlebe man auf der Pfaueninsel mit ihren
sandigen Wegen, so eine andere. Über den regen Zulauf der Szene freut sich
Urgestein Thomas, nicht alle bekennen sich öffentlich, die Dunkelziffer sei
hoch.
Von hinten sehen Thomas Sohlen jetzt schwarz aus, ein Schönheitsmerkmal in
der Szene, es gibt viele unterschiedliche Farbnuancen. Freunde mit Teppichboden
könnte er so nicht besuchen. Immerhin: Thomas wäscht seine Füße einmal am
Tag, abends.
TAZ, 15. 08. 2003]
Vor einiger Zeit erreichte uns über barfuss.org eine Anfrage der taz -
Redakteurin, ob wir Barfüßer(innen) in Berlin "vermitteln" könnten.
Thomas (THS) war so freundlich / mutig / oder ?, sich
zu diesem Gespräch
zur Verfügung zu stellen.
Georg
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