Barfuß - Literatur - Ecke: Gefunden im Internet

Ein linker Fuß erzählt aus seinem Alltag ...

Vor seinem Herzen, seiner Leber, seiner Lunge und seiner anderen Organe hat Peter allmählich ein bisschen Respekt bekommen. (Peter, 48 Jahre alt, ist ein typischer Geschäftsmann).
In mir aber sieht er eigentlich nur einen ungeschickten Störenfried. Ich bin sein linker Fuß. Die Urteile, die man über unsereins gefällt hat, reichen vom "architektonischen Monstrum" bis zum "anatomischen Wunder". Mit letzterem kommt man der Wahrheit wohl am nächsten.
Peter ahnt nicht, wie kompliziert ich beschaffen bin. Da steht er am Fenster, sein Blick ist leer. In mir aber geht dabei eine ganze Menge vor. Nur ein wunderbares Zusammenspiel meiner 26 Knochen (ein Viertel aller Knochen, die Peter hat, sind Fußknochen), 107 Bänder und 19 Muskeln ermöglicht mir, diesen 180 cm großen und 80 Kg schweren Koloss aus Fleisch und Knochen im Gleichgewicht zu halten. Versuchen Sie das einmal mit einem solchen Gebilde auf der Grundfläche zweier Fuß-Sohlen ! ! !
Es ist ein verwickelter Vorgang. Zum Gehirn und vom Gehirn zucken Impulse hin und her. Nervenpunkte in meiner Sohle melden eine Druckzunahme an einer bestimmten Stelle: Peter hat sich leicht vorgeneigt. Zurück kommt der Befehl: den und den Muskel spannen, den und den lockern! Wollte man einen solchen Balanceakt nachahmen, so brauchte man dazu einen ausgewachsenen Computer in der Größe eines Schrankes.
Noch verzwickter ist es beim Gehen. Die erste Stossbelastung nimmt meine Ferse auf; sie leitet sie über meine fünf Mittelfußknochen dem unmittelbar hinter den Zehen gelegenen Fußballen zu. Dann stoße ich mich mit der großen Zehe ab und setze Peter dadurch in Gang. Dieser Phasenablauf bedeutet für mich eine fieberhafte Tätigkeit.
Peter aber schenkt seinen Autoreifen mehr Aufmerksamkeit als mir. Er behandelt mich miserabel, und wenn ich dann schmerze, ist er böse - er kann das gar nicht verstehen.
Lassen wir ihn einmal in mäßigem Tempo, 100 Schritte in der Minute, eine Strasse entlanggehen. Das bedeutet für mich, dass ich fünfzigmal in der Minute einen Achtzigkilogrammstoß gegen den harten Boden abfangen muss, und dasselbe gilt für meinen Partner zur Rechten. Peter geht in seinem Leben rund 100'000 Kilometer und fordert mir dabei insgesamt viele Millionen solcher Stöße ab. Dass ich das aushalte, ist ein wahres Wunder.
In den ersten Jahrmillionen, die Peters Vorfahren auf der Erde waren, hatten die Füße noch eine gute Zeit. Man ging barfuss (später in Fußhüllen aus Tierhaut) auf nachgiebigem, unebenem Gelände - das Beste, was man seinen Gehwerkzeugen antun konnte. Dann aber kamen die Schuhe, die harten Strassen und Fußböden - ich bekomme schon Schmerzen, wenn ich bloß daran denke.
Als Peter noch ein Baby war, haben mich seine Eltern, wenn auch unwissentlich, ständig malträtiert. Sie wussten nicht, dass meine Knochen noch weich waren (erst nach zwanzig Jahren bin ich ein fertiges Produkt). Sie stopften mich so fest in Peterchens Bett, dass sich bei mir bereits leichte Missbildungen entwickelten, und zwängten mich in enge Söckchen und Schühchen, die weiteren Schaden anrichteten.
Und wie die meisten jungen Eltern konnten sie es gar nicht abwarten, dass Peter seine ersten Stolperschritte machte, und suchten ihn dazu zu nötigen. Dabei war ich noch fast gallertartig weich und gar nicht zum Gehen eingerichtet. Sie hätten lieber warten sollen, bis sich Peter von selbst gehwillig zeigte. Und bis dahin und noch einige Wochen danach hätten sie ihn barfuss lassen sollen.
In seinen Kinderjahren hat man regelmäßig sein Herz und seine Lunge sowie andere Organe untersucht, die in diesem Alter doch nur selten fehlerhaft arbeiten. Um mich aber, der ich oft Grund zur Sorge gebe, hat sich niemand gekümmert. Offenbar meinen viele Ärzte, an schmerzenden Füssen sei noch keiner gestorben. Ein Orthopäde hätte, als Peter vier war, sofort erkannt, dass ich Hilfe brauchte. Man ließ es jedoch ruhig dazu kommen, dass bei ihm - wie bei vielen Kindern - im 6. Lebensjahr bedenkliche Erscheinungen auftraten: Senkfuss und (teils durch Vererbung, teils durch falsches Schuhwerk verschuldet) leicht missgebildete Zehen.
Man hat Peter gelehrt, sich die Zähne zu putzen, sich zu kämmen, sich die Ohren zu waschen, nicht aber, richtig zu gehen: mit den Zehen nach vorn. Er setzte die Füße beim Gehen auswärts. Zudem kauften ihm die Eltern recht haltbare Schuhe - das Schlimmste, was mir geschehen konnte. Sie hätten ihm bis zu seinem 6. Jahr alle vier bis sechs Wochen die Füße messen und dem Ergebnis entsprechend neue Schuhe geben müssen. Nach dem 12. Lebensjahr hätte er jährlich viermal neue Schuhe bekommen sollen.
"Wenn einem die Füße weh tun, tut einem alles weh", sagen manche. Tatsächlich kann ich Beschwerden an Stellen verursachen, die weit von mir entfernt liegen: Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Wadenkrämpfe und anderes. Solche Beschwerden entstehen hauptsächlich dadurch, dass Peter, wenn ich ihm irgendwo weh tue, zur Schonung der schmerzenden Stelle unwillkürlich Haltung und Gang ändert. Ich möchte hinzufügen, dass sich so etwas nicht nur körperlich, sondern auch seelisch auswirkt. Schlechte Füße - schlechte Laune.
Eigentlich sollte nicht ich, Peters Fuß, sondern der Fuß seiner Frau diese Geschichte erzählen. Denn Frauen haben viermal soviel Fußbeschwerden wie Männer. Schuld daran ist größtenteils das Tragen zu hoher Absätze. Dadurch wird das Gewicht nach vorn verlagert, wo es nicht hingehört. Die Wadenmuskeln verkürzen sich, das Rückgrat kommt aus dem Gleichgewicht. Darum haben Frauen so häufig Rücken- und Beinschmerzen. Und darum schleudern sie so gern die Schuhe von sich. Sie sollten sie lieber wegwerfen. Ich habe rund fünfzig schwache Punkte. Dazu zählen vor allem Hühneraugen. Drückt der Schuh auf eine meiner Zehen, so bilde ich dort ein Schutzgewebe. Das wächst bald zu einem Hornhautbuckel, der auf darunter liegende Nerven drückt und Schmerzen verursacht. Eine gute Kur dagegen wäre, ein paar Wochen das Bett zu hüten gewöhnlich verschwinden Hühneraugen dann von selbst.
Peter hält sich für einen vortrefflichen Hühneraugenoperateur. Ist er aber nicht. Er schnippelt mit einer nicht keimfrei gemachten Rasierklinge am Hühnerauge herum oder benutzt einen säurehaltigen Hühneraugenentferner; beides kann eine Infektion verursachen. Zur Schmerzlinderung sollte er einen Hühneraugenring auflegen. Und dann sollte er sich Schuhe besorgen, die nicht drücken.
Ein entzündeter Ballen kann entstehen, wenn sich meine große Zehe unter die zweite schiebt. Bei Männern ist das meist eine erbliche Missbildung, die sich aber durch das Tragen falschen Schuhwerks noch verschlimmert. Auch in diesem Fall bilde ich wieder ein polsterartiges Schutzgewebe. Erleichterung bringen gewöhnlich nachts getragene Schienen oder andere mechanische Hilfen im Schuh. Man kann auch die große Zehe operativ gerade richten lassen.
Schmerzhafte Schwielen, die sich durch Druck unter dem Fußballen bilden, kann der Fußpfleger abhobeln. Gut wirken auch Zehenkeile, Polster und Spezialeinlagen, die für ein besseres Körpergleichgewichtsorgen.
Fußpilzerreger habe ich immer an mir, lästig werden sie erst, wenn sie sich in feinen Rissen feuchter Hautstellen, meist zwischen den Zehen, einnisten und vermehren. Die beste Vorbeugung besteht darin, mich trocken zu halten. Das ist nicht ganz einfach, denn meine Sohle hat mehr Schweißdrüsen als andere Körperstellen, ausgenommen die Handfläche. Peter kann der Pilzentwicklung dadurch steuern, dass er mich täglich zweimal gründlich wäscht, mit Alkohol abreibt und häufig pudert. Reicht das nicht aus, so kann er mit einem Antimykotikumin Tablettenform nachhelfen.
Ein häufiges Übel ist der eingewachsene Nagel. Am besten hilft dagegen, die Nagelecken gründlich zu reinigen, am allerbesten aber ist es, dem Einwachsen dadurch vorzubeugen, dass man die Fußnägel nicht rund, sondern gerade schneidet - und nicht gar zu kurz.
Peter klagt neuerdings manchmal über ein Kälte- und Taubheitsgefühl in mir, Anzeichen einer altersbedingten schlechten Durchblutung. Solche Erscheinungen verschwinden, wenn man das Blut gehörig in Bewegung bringt. Lauwarme Bäder erweitern die Gefäße und verbessern die Durchblutung. Nützen kann auch, mich und meinen Partner hochzulegen oder einen Spaziergang zu machen.
Am aller wohlsten tut mir Barfußgehen auf unebenem Gelände - nach dem Vorbild unserer Ahnen. So wäre es für mich eine Wonne, wenn Peter etwa barfuss Golf spielte. Auf hartem Boden brauche ich allerdings Schuhe. Peter sperrt mich zwei Drittel seines Lebens in solche Lederzellen ein und versteht noch immer nicht, mir die richtigen Schuhe zu kaufen - für die Wahl seiner Krawatten hat er mehr Zeit übrig. Dabei sehne ich mich so sehr nach Gesundheitsschuhen.
Neue Schuhe sollte Peter immer am Spätnachmittag kaufen, denn da bin ich am größten. Und dann sollte er darauf sehen, dass er beide anprobiert und dazu auch aufsteht.
Der Schuh soll vor der längsten Zehe noch etwa 12 mm Spielraum haben. Schuhe, in denen ich nicht die Zehen auf- und abbewegen kann, sollte Peter ablehnen. Und er sollte niemals Schuhe kaufen, die er erst "einlaufen" müsste. Sitzt ein Schuh nicht von vornherein bequem, so wird er ihm und mir bald Beschwerden machen. Noch eins: in zu kurzen Socken verkrampfen sich die Zehen fast ebenso wie in zu kurzen Schuhen. Darauf sollte Peter namentlich beim Kauf von Stretchsocken achten.
Und zu aller letzt: Wohl stoße ich hier einige Drohungen aus, aber Peter sollte sie nicht in den Wind schlagen. Vor ihm liegt das Alter. Die meisten älteren Menschen leiden, nachdem sie ihre Füße jahrelang missbraucht haben, unter Fußschmerzen. Deshalb sitzen sie oft auch Stunden im Schaukelstuhl oder auf einer Parkbank, und das in einem Alter, wo sie es dringend nötig hätten, sich kräftig zu bewegen.
Es kann dann so weit kommen, dass ich lebensverkürzend wirke. Wenn sich Peter davor bewahren will, sollte er mir endlich seine Aufmerksamkeit schenken, die volle Aufmerksamkeit, die ich verdiene.
Es grüßt freundlich
Der linke Fuß von Peter


Der unbekannte Autor schrieb für den Internetauftritt des Schweizer Orthopädieschumachers Amman.

Warum eigentlich nicht?
Am frühen Morgen kam ich in einer großen Stadt an. Es war kalt, und ein leichter Schnee lag um den Bahnhof. Etwas Befremdendes fiel mir sofort auf. Alle Leute am Bahnhof waren warm angezogen – schwere Mäntel und dicke Handschuhe - , aber Schuhe trugen sie nicht. Merkwürdig, dachte ich, erkundigte mich nach meinem Hotel und stieg in die Straßenbahn.
Da sah ich es wieder: Niemand trug Schuhe. Auch im Hotel der Portier und der Liftboy – beide barfuß!
Nun wurde ich neugierig und fragte: „Warum trägt niemand in dieser Stadt Schuhe?"
„Ach ja", sagte der Hotelier, „warum eigentlich nicht? Das frage ich mich auch."
„Glaubt ihr denn nicht an Schuhe?" fragte ich.
„An Schuhe glauben!" antwortete er leicht verärgert. „Selbstverständlich glauben wir an Schuhe! Das ist der erste Artikel unsres Glaubensbekenntnisses. Ich glaube an Schuhe, heißt es. Und jedes Kind lernt es auswendig und weiß, dass Schuhe unentbehrlich sind! Ohne Schuhe kommt niemand aus; die Füße werden erfrieren, sie werden verletzt. Ohne Schuhe wäre das Leben unerträglich."
„Warum tragen sie dann aber keine Schuhe?" fragte ich ganz verirrt.
„Ach", sagte er etwas wehmütig, „das ist es eben – warum eigentlich nicht?"
Später, beim Essen, lernte ich einen Mann kennen, der mir anbot, eine kleine Stadtführung zu machen, was ich dankbar annahm. Wir traten zusammen aus dem Hotel. Gegenüber lag ein riesengroßes Backsteingebäude. Er zeigte stolz darauf und sagte: „Das ist eines unsrer schönsten und berühmtesten Schuhhäuser."
„Ach", sagte ich, „werden da Schuhe gemacht?"
„Ja – das heißt eigentlich nein", sagte er etwas verlegen. „Der Leiter ist ein sehr begabter Schuhanpreiser. Jede Woche redet er über Schuhe und warum man sie tragen soll. Neulich soll er einen so ausgezeichneten Vortrag über Schuhe gehalten haben, dass die Leute zu Tränen gerührt waren. Es war ergreifend!"
Gerade in diesem Augenblick bogen wir in eine kleine Gasse ein, und ich sah im Keller einen alten Mann, der Schuhe machte. Ich entschuldigte mich einen Moment, lief in den Laden und fragte den Inhaber, wie es kommt, dass niemand Schuhe bei ihm kaufte.
„Niemand hier möchte Schuhe tragen", sagte er. „Sie reden nur davon." Ich kaufte schnell etliche Paare und ging wieder hinaus zu meinem Begleiter.
„Hier", sagte ich, „haben sie Schuhe. Ziehen sie die gleich an! sie werden nie wieder ohne sie gehen wollen!"
Er schaute mich ziemlich entsetzt an. „Danke schön", sagte er, „Vielen Dank, aber sie verstehen uns nicht. Wissen sie: Das tut man hier eben nicht."
„Aber warum nicht?" schrie ich, „Warum um Himmels willen nicht?"
„Ach", antwortete er mit dem gleichen verlegenen Lächeln wir vorher, „ach ja, warum? Das ist es eben – warum tun wir es nicht?"

Autor: Hugh Price Hughes (1847 - 1902, engl. Methodistenprediger)

gefunden unter http://berg.heim.at/almwiesen/410977/warumnicht.htm

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