[Kinderbuch "Barfuß durch die große Stadt"]

[Literarisches Barfußlaufen in der Nachkriegszeit]

Kinderbuch "Barfuß durch die große Stadt"
Forumbeitrag im Frühjahr 2004

In der Stadtbibliothek wollte ich wissen was es dort zum Thema barfuß zu lesen gibt. Die Auswahl war sehr dürftig. Außer dem Videofilm "Barfuss im Park" fanden sich nur zwei Kinderbücher.
Das obengenannt habe ich dann neugierigerweise gelesen.
Gudrun Pausewang, die Autorin, ist Lehrerin und sie wird schon wissen was sie schreibt; aber ob sie die Erfahrungen selbst gesammelt oder Kinder gefragt oder ihre eigenen Kinder herangezogen hat, wäre schon interessant zu wissen.
Es geht darum, dass ein achtjähriger Junge mit seiner alleinerziehenden Mutter von einem kleinen Dorf, wo es keine Straßennamen gibt, sondern nur Hausnummern, in die oberste Etage eines Hochhauses in der Stadt zieht, weil seine Mutter dort nach langer Arbeitslosigkeit Arbeit als Krankenschwester in einer Klinik gefunden hat.
Er begegnet einem streunenden Hund ohne Halsband, der ihn dann begleitet.
Am ersten Tag ist er allein zu Hause; da er noch keine Schule hat, legt sich, nachdem er vorher die Schuhe ausgezogen hat, in das Bett seiner Mutter und starrt die Decke an und dort erscheint ihm ein gefährlich aussehendes Monstergesicht, das ihn dazu veranlasst die Wohnung fluchtartig zu verlassen. Die Tür fällt ins Schloss; er hat keinen Schlüssel, kein Geld und ist barfuss und macht sich dann auf die Suche nach der Klinik wo seine Mutter arbeitet, von der er nur weiß, dass sie per Auto ca. 10 Minuten von der Wohnung entfernt ist und ungefähr wie sie aussieht, da sie am Vorabend da vorbeigefahren sind.
Begegnung mit Nachbarin; Unterstellung wegen barfuss, dass er eines von mehreren Geschwistern sei; die Eltern Sozialhilfeempfänger wären; wie er mit vierzehn sein würde (wahrscheinlich kriminell) und dass man den Zuzug solcher Leute unterbinden sollte.
Sommertag mit Morgennebel; nächste Aussage dass er krank würde barfuss auf dem kalten Boden.
Er will im Supermarkt eine Kassiererin fragen wie er zur Klinik kommt; Unterstellung des Hausdetektivs, dass er gestohlen habe und als dies sich nicht bestätigte, die Frage was er wolle; ohne diese zu beantworten landet er wieder auf der Straße, wo er feststellt, dass im Supermarkt der Boden wärmer war (?)
Geht mit Frau mit Kinderwagen mit, die ihren Mann in einer Klinik besuchen will; Weg führt durch Park und ist (leider wie meist) mit Kieseln oder Split ausgestattet; kann der Frau kaum folgen, da dies weh tut (kann ich gut nachvollziehen)
Nachfrage im Krankenhaus bei Auskunft; Gegenfrage "barfuss im Krankenhaus suchst du deine Mutter?",
dann sehr heißer Boden; schwierig darauf zu laufen (kann ich auch gut nachvollziehen (ich frage mich, wie die Menschen in der Wüste stundenlang im glühend heißen Sand barfuss laufen können?).
Wieder durch den Park; dann aber im Gras, weil das angenehmer ist. Als er endlich die Klinik findet hat seine Mutter Feierabend und ist bereits nach Hause gegangen. Problem: Er weiß nur die Haus-Nummer des Hauses; nicht aber die Straße.
Ein Obdachloser hilft ihm; er kann sich erinnern, dass im Haus ein Friseurgeschäft ist und mit Branchentelefonbuch und Hausnummer wird die Straße gefunden.
Auf dem Heimweg begegnet er fußballspielenden Kindern.
Aussage: Barfuss kann man nicht kicken; deshalb wird er ins Tor gestellt und hält gut.
Allerdings hat er dann ein schlechtes Gewissen, weil er nicht gleich nach Hause gegangen ist, weil dort seine Mutter doch wahrscheinlich warten würde.
Dann sieht er eine Rolltreppe zur U-Bahn und es reizt darunter zu fahren. Als er oben steht, springt der Hund auf die Rolltreppe und er muss hinterher. Im Menschengewühl unten verliert er den Hund aus den Augen und hört kurz darauf ein schmerzliches Bellen des Hundes. Der Hund ist auf die Gleise der U-Bahn geraten und wurde überfahren.
Ich weiß nicht, was die Autorin mit diesem Part des Buches wollte.
Wollte sie hier Kindern Verlust und Tod am Beispiel eines Hundes nahe bringen, weil es nicht ganz so schlimm ist, wie wenn man das am Beispiel eines Menschen tut? Wollte sie damit andeuten, dass der liebe Gott kleine Sünden sofort bestraft, weil der Junge zweimal vom Weg abgewichen ist, bzw. nicht gleich nach Hause gegangen ist?
Ich muss zugeben, dass mich der Teil des Buches ganz schön mitgenommen hat, denn ich hatte mit einem Happyend gerechnet; Mama schließt Junior und Hund in die Arme; Junge darf Hund behalten.
Das Buch endet damit, dass der Junge von Menschen nach Hause gebracht wird, die den Vorfall in der U-Bahn beobachtet haben und den Jungen davon abgehalten haben, den Hund noch mal sehen zu wollen.
Mama schließt in die Arme; er legt sich zunächst erschöpft wieder aufs Bett und besiegt mit einem Trick, den ihm der Obdachlose verraten hat die böse Fratze an der Decke; dann schlüpft er in seine Schuhe und geht zu den Erwachsenen.
Lothar

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Literarisches Barfußlaufen in der Nachkriegszeit
(Forumbeiträge im Sommer 2004)

Wer sich für die Nachkriegszeit in Verbindung mit (meist unfreiwilligem) Barfußlaufen interessiert, verweise ich gerne auf Klaus Kordons wunderbares (Jugend-) Buch "Der erste Frühling".
Protagonistin Änne erlebt den ersten Nachkriegssommer in Berlin, und das überwiegend barfuß mangels passender Schuhe, was sie aber in der Regel gar nicht so schlimm findet.
Das Buch ist Teil der "Trilogie der Wendepunkte"; außerdem gehören hierzu:
- Die roten Matrosen, oder ein vergessener Winter (1918/19), 
- Mit dem Rücken zur Wand (1932/33) ...
Vor kurzem hatte ich mal in Zusammenhang mit Jugendbüchern über die Nachkriegszeit, in denen die Kinder mangels Schuhen barfuß laufen, auf Klaus Kordons Buch "Der erste Frühling" hingewiesen und es zur Lektüre empfohlen, weil es einfach ein tolles Buch ist (man sollte sich nicht am Begriff Jugendbuch stören, Kordon selbst lehnt die Unterscheidung von Romanen für Jugendliche und Erwachsene ab, sagt aber, Jugendbücher fordern den Autor mehr heraus, weil sie ehrlich und authentisch sein müssen).
Ich wurde daraufhin hier gebeten, doch einige "einschlägige" Passagen hier zu zitieren. Das kann ich nun gerne machen, nachdem es gelungen ist, im Bücherfundus unserer Familie das Buch wiederzufinden ;-).
Ich möchte aber ausdrücklich darauf hinweisen, dass das Buch sich sehr umfassend und oft auch betroffen machend mit dem Kriegsende und der Zeit danach befasst, und die kurzen Ausschnitte hier ihm nicht ansatzweise gerecht werden. Ich habe fast ein schlechtes Gewissen, sie so aus dem Zusammenhang zu reißen.
Zur Einführung vielleicht hier noch der Klappentext:
Berlin, Frühjahr 1945: Tag und Nacht Bombenalarm. Die zwölfjährige Änne erlebt die letzten Monate des Krieges und wie die sowjetische Armee die Stadt besetzt. Eines Tages steht ein Mann vor der Tür, den sie noch nie gesehen hat und an den sie sich zuerst gewöhnen muss: Es ist ihr Vater, der das KZ überlebt hat.
Auf der Straße liegen immer noch Glassplitter und Änne geht nun schon seit geraumer Zeit barfuß. Kein Schuh passt ihr noch, und Gromas Schlorren würde sie nur anziehen, wenn draußen Eis und Schnee liegen und sie ohne Schuhe festfrieren würde. Also muss sie aufpassen, wo sie hintritt, während sie langsam den Weg zur Post einschlägt. Der Gropa hat gesagt, die Post würde heute wieder öffnen und sicher bald die ersten Briefe befördern. ...
Änne besucht mit ihrem Vater und ihrer Tante ein Konzert einer russischen Militärkapelle in einem ausgebombten Kino:
Jetzt, auf dem schwankenden Brett und zwischen Vater und Tante Mieze, ist Änne froh, mal wieder ein Kleid anzuhaben. In einem Kleid fühlt sie sich viel mehr als Mädchen. Nur schade, dass sie immer noch keine Schuhe hat, sonst hätte sie weiße Söckchen dazu anziehen können; so müssen saubere Füße reichen. ...
Sie fahren mit der Nuckelpinne durch die Straßen. Änne sitzt neben Onkel Heinz auf dem Beifahrersitz, Dieter und Ellen sitzen auf der Ladefläche, lehnen ihre Rücken an die Fahrerkabine und reden miteinander. Ellens langer Schal flattert lustig im Fahrtwind, ihre langen Beine hat sie über die Ladeklappe gelegt, so dass alle Welt ihre großen, nackten, schmutzigen Füße bewundern kann. ..
Auch im Kordons Buch "Ein Trümmersommer" wird 1947 realitätsentsprechend barfuß gelaufen:
Die Mutter seufzte. Es war nicht das erste Mal, dass sie darüber sprachen; der Ausgang des Gesprächs war immer der gleiche. "Die Kartoffeln sind für heute, das Brot ist für morgen." Sie nahm zwei Messer aus dem Küchenschrank, rief Karin und winkte Eule und gab jedem ein Messer. "Schält nicht zu dick und werft die Schalen nicht weg, wir brauchen sie noch."
"Für Kartoffelpuffer, ich weiß!" Karin verzog das Gesicht. "Die Schalen nicht zu dick, aber trotzdem Kartoffelpuffer daraus machen! Da fressen wir ja Dreckpuffer."
"Ich kann's nicht ändern." Die Mutter setzte sich, zog die Schuhe aus, rieb sich die Füße und betrachtete die kaputten Strümpfe. "Die sind nun auch hinüber."
"Geh doch barfuß wie ich." Karin streckte ihr rechtes Bein in die Höhe. Der Fuß war schmutzig, die Haut hornig und rissig. Die Mutter hatte ihr für den Winter Schuhe versprochen, wusste aber nicht, woher sie sie bekommen sollte. Es war schwierig, Bezugsscheine für Schuhe zu erhalten. Karin erinnerte die Mutter immer wieder daran; sie hatte Angst, im Winter Vaters alte Botten tragen zu müssen.
Klaus Kordon: Ein Trümmersommer
Viele Grüße, Ralf (RSK)

An dieser Stelle möchte ich noch ein älteres Buch erwähnen, in dem auch Leute barfuß wegen Armut laufen mussten.
Titel: "Training, Kämpfe, große Siege : Ein Leben als Rennfahrer", Autor: Ferdinand Kübler, erschienen 1963 beim Schweizer Druck- und Verlagshaus in Zürich. In humorvoller Weise hat der 1919 geborene Schweizer Radrennfahrer selber über seine Karriere als Sportler, aber auch über seine Kindheit in bitterster Armut unter dem strengen Regime seines Vaters geschrieben. Hier einige Passagen:
"Vater war unsagbar streng zu uns. Wahrscheinlich lag seine Unerbittlichkeit in seinem schweren Beruf begründet, in dem er oft mit brutal um sich schlagenden Kranken zu tun hatte. Seit vielen Jahren arbeitete er als Oberwärter in einer Abteilung für hoffnungslose Fälle in der Nervenheilanstalt von Rheinau..."
Wirklich ein unangenehmer und zumindest damals schlecht bezahlter Beruf. Kein Wunder, wenn der Vater so handelt: "Vater sparte nämlich eisern. Er wollte sein Leben nicht unter unheilbar kranken, armen Wesen beschließen. Er wollte ein freier, selbstständiger Mann werden."
Und darunter mussten die Frau und ursprünglich fünf Kinder (ein Mädchen ist im Kindesalter gestorben) bitter leiden, etwa beim Essen und bei der Kleidung: "Von all dem jedoch so wenig, dass es manchmal ZU wenig war. Schuhe? Kannten wir nur im Winter. Vom Frühjahr bis zum Herbst liefen wir täglich viermal je zwei Kilometer barfuß zur Schule. Barfuß standen wir auch auf den Feldern, wenn wir den benachbarten Bauern bei der Ernte helfen durften. Wir taten es gerne, denn für unsere Arbeit bekamen wir Brote mit Speck oder eine kräftige Mahlzeit..."
Als Ferdi 11 Jahre war, hatte sein Vater es mit seinem Geiz geschafft, in Marthalen ein Haus zu kaufen, mit Schuhgeschäft samt Reparaturwerkstatt, kombiniert mit Velo- und Autoreparaturwerkstatt. Aber der Wohlstand brach nicht aus: "Mutter stand jetzt oft im Schuhladen. Doch sie war keine gute Geschäftsfrau. Sie war einzig und allein eines: eine gute Frau. Erschien eine arme Nachbarin, der bloßen Füße ihres Kindes wegen jammernd "ich bezahle die Schuhe bestimmt im nächsten Monat" - sie gab ein paar Schuhe für das arme Würmchen her. Und vergaß, eine Rechnung dafür auszustellen. Natürlich kam Vater früher oder später dahinter..."
Das gab aber Ärger! Und beim nächsten Mal ging es wieder so! Nur in einem ging es den Kindern besser: "Wir trugen nun auch Schuhe, aber Butter kannten wir noch immer nur "heimlich"". Kein Wunder! Als Kinder eines "Flickschusters".
Der Vater bleib geizig. Es wurde schlecht geheizt, kaputte Fenster wurden nicht repariert, Ferdi litt an allen möglichen Krankheiten (Fieber, Husten, Brustfellentzündung, Gelenkrheumatismus). Sein Traum aber blieb, Radrennfahrer zu werden. Er riss zu Hause aus und wurde Brotfahrer bei einem Bäcker in Männedorf. Hier litt er wenigstens keinen Hunger mehr, und seine Dienstfahrten zu den Kunden im Zürcher Oberland (Pfannenstiel) kombinierte er mit Trainingsfahrten.
Der Rest des Buches hat mit barfuß nichts mehr zu tun, sein erstes Radrennen trat er mit normalen Turnschuhen an, während seine Gegner besser ausgerüstet waren. Dieses Buch erzählt deutlich, wie durch harte Erziehung des Vaters man in seinem ganzen Leben hart gegen sich selbst ist. Und das war Ferdi Kübler. Nur durch hartes Training (und ohne Doping) gelang ihm seine erfolgreiche Karriere als Radrennfahrer. Aber im Gegensatz zu seinem Vater ging er nicht hart zu seiner Frau und seinen Kindern um. Aber er blieb im Grunde genommen ein bescheidener Mann, er behielt seinen Humor. Ich weiß nicht, ob er heute noch lebt. In Adliswil, wo er lange Zeit gewohnt hat, gibt es noch heute ein Sportgeschäft Kübler.
Solche Zeiten wie zur Jugend des Ferdi Kübler wollen wir sicher nicht herbeisehnen. Barfuß aus Armut muss nicht sein. Und Krankheiten wegen schlechter Heizung oder nicht reparierter Scheiben erst recht nicht. Aber Barfußverbot und überheizte Räume, wo jeder verweichlicht, sicher auch nicht. Immer den goldenen Mittelweg, also die Räume bei einer mäßigen Temperatur belassen und barfuß laufen, wenn es Spaß macht.
Mit freundlichen Grüßen
Michael aus Zofingen

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