Eine
autobiographische
Barfuß-Geschichte
(Forumbeitrag 2002)
Hallole ihr alle. Draußen herrscht
Ekelwetter und mir ist mal wieder langweilig.
Da ich es nicht ertrage, dass es
anderen Menschen gut geht, wenn ich mich langweile, habe ich mir gedacht, ich
langweile mal die Leute bei Hobby-Barfuss. Anstatt
Georg den Server mit Fetischgelaber zuzuknallen, dachte ich mir, ich könnt den
Server doch mal mit „normalem" Geschreibsel verstopfen (da ich von dem
Fetischzeugs keine Ahnung habe).
Immer wieder schreiben Leute von ihren Barfußwalks und immer ist es das dasselbe: Es ist in Aufsatzform geschrieben.
Wie früher in der Schule: Mein schönstes Ferienerlebnis.
Als
ich im April letzten Jahres auf Hobby-Barfuss stieß, geschah das über einen
Umweg. Ich weiß nicht mehr genau, wie es lief. Jedenfalls landete ich erst mal
im Archiv und stieß auf Lotsis erstes Barfußerlebnis. Das beeindruckte mich
stark.
Aber ich dachte sofort: „Mensch, dieses
Exposee zu einer richtigen Geschichte machen. DAS wär's!" Ich bin nämlich
Hobbyschriftsteller. Bei www.webstories.cc habe ich schon etliche meiner
Geschichten gepostet.
Seit Monaten spukt die Idee in meinem Kopf
herum, ein Erlebnis aus meiner Jugend mal in Geschichtenform zu bringen und hier
bei Hobby-Barfuss zu posten.
Und da heute so ein miserables Wetter war, hockte
ich mich hin und schrieb das Ganze auf. Was
jetzt kommt, ist nicht hundertprozentig wahr. Ein bisschen habe ich hier und da
„poliert", damit es sich schöner liest.
Stefan S. (Steini)
Es war frühmorgens viertel nach sieben.
Stefan marschierte gutgelaunt in Richtung Bahnhof. Er hatte zuhause im Radio den
Wetterbericht gehört. Es war warmes sonniges Wetter gemeldet. Mitte Mai war das
im Saarland keineswegs die Norm. Oft regnete es und es war kalt. Doch auf den
Wetterbericht konnte man sich ziemlich gut verlassen.
„Gut so!" dachte er vergnügt. „Der
Dauerregen der letzten zwei Wochen ging mir auf die Nerven. Man könnte meinen,
Bexbach liege in Indien. Das war ja die reinste Regenzeit!"
Nun war also Sonnenschein angesagt. Das
war für Stefans geplante Tour genau das Richtige. Er hatte nicht vor, mit dem
Zug nach Homburg in die Berufsschule zu fahren.
Heute war Lehrerausflug und die Schule
blieb zu. Trotzdem hatte er seine Schultasche dabei wie immer. Allerdings
steckten keine Bücher und Hefte darin, sondern seine Geldbörse, sein
Klappmesser und eine zusammengefaltete Decke.
Stefan wollte eine Wanderung nach Homburg
machen. Dort würde er sich in den Geschäften etwas zu essen und zu trinken
kaufen und auf dem Rückweg nach Bexbach irgendwo in den Wiesen und Feldern ein
gemütliches kleines Picknick veranstalten. Zuhause hatte er nichts davon
gesagt. Seine Leute hatte eine seltsame Lebenseinstellung: Wenn du einen
Neunzehnjährigen nerven kannst, dann tu es! Was immer Stefan gut findet, ist
als Scheiße zu bezeichnen, sei es nun, Rad fahren, sein Aquarium, seine Lust am
Lesen oder Wandern.
So war es nun einmal. Also hatte er seinen
Plan für sich behalten. Hätten sie zuhause gewusst, auf welch
außergewöhnliche Art Stefan seine Wanderung durchzuführen gedachte, hätten
die noch mehr den Kopf geschüttelt und ihre üblichen Blödsprüche über
kindische Azubis losgelassen. Auf der Wanderung in die knapp zehn Kilometer
entfernte Kreisstadt Homburg wollte Stefan nämlich seiner heimlichen
Leidenschaft frönen: dem Barfußgehen.
Schon als Kind war er für sein Leben
gerne mit bloßen Füßen gelaufen, hatte sich gefreut, den Boden unter den
nackten Sohlen zu spüren, und daran hatte sich bis zum heutigen Tage –er war
inzwischen neunzehn Jahre alt- nichts geändert. An der Angewohnheit seiner
Leute, über alles zu maulen, was er liebte, leider auch nichts!
So behielt er es für sich, wanderte
bisweilen heimlich barfuß in der näheren Umgebung herum und genoss das Gefühl
der Freiheit, barfuß über Wald-, Feld- und Wiesenwege zu laufen. In Bexbach
selbst hätte er es nie gewagt, ohne Schuhe zu gehen. Er mochte nicht von den
Leuten angestarrt werden und vor allem hätte es seine Familie erfahren und
Zirkus deswegen gemacht.
Stefan grinste in sich hinein. „Ihr
könnt mich alle mal!", dachte er bei sich.
Die Barfußwanderung auf Wald- und
Feldwegen parallel zur Bahnstrecke nach Homburg hatte er schon zweimal gemacht.
Heute wollte er einen Schritt weitergehen. Kurz hinter Bexbach wollte er seine
Schuhe und Socken in einem Versteck deponieren, anstatt sie in der Schultasche
mitzuschleppen. Er wollte sich einmal wirklich barfuß fühlen. Zur Not nicht in
die rettenden Schuhe schlüpfen zu können, stellte sich cool vor. Das würde
ihm den richtigen Kick geben.
„Morgen, Steini!"
„Wa..?" Er blickte auf. Er war so
sehr in Gedanken versunken gewesen, dass er seine Umgebung nicht beachtet hatte.
„Tach, Martina."
Martina Gerber kam aus einer Seitenstraße
hervor. Sie war drei Jahre jünger als Stefan und besuchte in Homburg die
Handelsschule. Sie hatte schulterlange schwarze Haare und Sommersprossen und
Stefan war ein bisschen in sie verknallt. Nicht so sehr, dass er in ihrer
Gegenwart rot geworden wäre und angefangen hätte, Schwachsinn zu reden, aber
halt verknallt. Martina war ein prima Kumpel. Sie hatten im vergangenen Jahr
dreimal miteinander blau gemacht und den Tag jedes Mal genossen.
„Hast du was vor?" fragte Martina
und legte den Kopf schief. Sie war einen Kopf kleiner als Stefan und wenn sie
ihn so ansah, fand er das wahnsinnig süß.
„Ich . . . äh . . . sieht man mir das
an?"
Martina lächelte: „Ja. Du hast den
Blaumacherblick. Den kenn ich schon. Dieses Jahr haben wir noch gar nicht. .
."
„Ich mach nicht blau", sagte er
todernst. „Blaumachen ist schlecht für die Bildung." Dann grinste er:
„In die Berufsschule geh ich trotzdem nicht. Die haben heute Lehrerausflug.
Ich will eine Wanderung nach Homburg machen."
„Im Ernst?"
„Klar. Hab ich schon zweimal gemacht.
Hab vom fahrenden Zug aus Wege gesehen, die immer in der Nähe der Gleise durch
Felder und den Wald führen. So früh am Morgen hat man die ganze Natur noch
für sich allein. Es ist fantastisch." Er klopfte auf seine Umhängetasche:
„Da hab ich eine Decke drin zum Drauflegen. In Homburg kaufe ich mir was zum
Beißen und Gluck-Gluck."
Martina runzelte die Stirn: „Du hast
nicht zufällig Verwendung für eine Begleiterin auf deiner IVV-Wanderung. Wir
schreiben heute keine Klassenarbeit und haben eh nur drei Stunden. Kann ich
mit?"
Stefan nickte erfreut: „Sicher. Es ist
allerdings keine IVV-Wanderung. Es ist eine BF-Wanderung. Ist so ein heimliches
Hobby von mir."
Er spürte, wie er ein wenig rot wurde.
„BF-Wanderung?
„Barfuß-Wanderung", erklärte er.
„Ich will barfuß bis Homburg laufen. Ich mag das. Die sandigen Feldwege unter
den Sohlen zu fühlen oder frühmorgens über taunasses Gras zu laufen und so'n Zeugs. Findst du das bekloppt?"
„Überhaupt nicht", antwortete
Martina. „Ich bin selber gerne barfuß. Auf die Idee mit so einer Wanderung
bin ich aber noch nie gekommen. Na jetzt komm ich erst recht mit."
Stefan erklärte ihr, dass er am Bahnhof
vorbei in Richtung Kleinottweiler abbiegen würde. Am Ende der schmalen Straße
hinterm Bahnhof kam ein sandiger Feldweg. Dort sollte das Abenteuer beginnen.
Am Bahnhof bogen sie nach links ab.
„Zu zweit ist es leichter", dachte
Stefan. Er freute sich über die Gesellschaft Martinas. „Wenn wir zu zweit barfuß einen Waldweg lang laufen und es kommt jemand, bin ich nicht so
unsicher, als ob ich alleine wäre." Er hasste es, seiner Leidenschaft im
Verborgenen nachgehen zu müssen. Warum konnte barfuß gehen nicht genauso
normal sein wie Rad fahren oder Briefmarken sammeln? Aber die Leute gafften
immer saublöde und stellten idiotische Fragen. Ob man nicht friere oder Angst
habe, sich eine Zehe zu brechen. Was für ein Scheiß! Im Freibad fragte ja auch
keiner, ob man Angst habe, sich einen Zeh zu brechen. Die hatten doch alle
zusammen einen an der Waffel!
Die Straße endete und es ging auf einem
sandigen Hohlweg rechts neben der Bahnlinie nach Homburg weiter. Rechts und
links standen Büsche und Bäume so dicht, dass ihre Äste und Zweige ein
grünes Dach über dem Hohlweg bildeten.
„Hier sieht's
aus wie in einem
Märchenwald", hauchte Martina andächtig.
„Den Weg solltest du mal im Spätherbst
sehen, wenn alles mit Raureif bedeckt ist", schwärmte Stefan. Er hielt
vor einem besonders dichten Gebüsch an: „Hier ist das Schuhversteck."
Als Martina ihn fragend anblickte, erzählte er ihr von seinem Plan, diesmal
keine Schuhe mitzunehmen.
„Es ist so ne Art Kick, weißt du",
druckste er. „Nur ohne Schuhe ist man wirklich total barfuß. Kannst ja deine
mitnehmen, wenn du willst."
„Ich denk ja nicht dran!" rief
Martina und zog ihre Adidas- Turnschuhe und die weißen Tennissocken aus. „So
wie du es vorhast, macht es viel mehr Spaß."
Stefan zog seine Pumas aus und zeigte
Martina das Versteck. „Kannst auch deine schweren Schulbücher da lassen. Hier
findet sie keiner. Ich hab eine Tüte mit, da kannst du sie wasserdicht
einwickeln. Nur für den Fall, dass es doch Regen geben sollte."
Sein Herz klopfte. Er sah, dass auch
Martina ein bisschen aufgeregt war.
„Als ob wir was Verbotenes tun
würden", sagte er laut.
„Tun wir ja auch", meinte Martina
lapidar. „Wir machen etwas, das Spaß macht. Das ist grundsätzlich verboten.
Wenn ich zuhause ohne Schuhe rumlaufe, sagt meine Mam' ja nix, aber wenn sie
wüsste, dass ich im Begriff bin, mit bloßen Füßen mitten durch die wilde,
garstige Natur zu marschieren, würde sie glatt ausflippen. Die Zehen könnte
ich mir brechen! Mich erkälten! Mir am heißen Asphalt die Fußsohlen
verbrennen! In Dornen treten!" Martina redete sich genüsslich in Fahrt:
„Wildschweine könnten mir die Zehen abbeißen! Ich könnte in Hunde-,
Wildschwein- oder Hasenkacke latschen! Auf einen spitzen Stein treten!
Ohgottohgott! Die schrecklichste Dinge könnten mir widerfahren! Uff! Ich darf
gar nicht dran denken, sonst kommt mir mein Frühstück hoch!"
Stefan legte den Kopf in den Nacken und
lachte lauthals los.
„Ist doch wahr!" maulte Martina und
zog einen bezaubernden Flunsch. „Jetzt gacker doch nicht auch noch wie ein
Gockel, du elender Sack!"
„Es ist doch bloß, weil es mir ganz
genauso geht", prustete er. „Eher noch schlimmer." Er verstaute ihre
Schuhe und die Schulsachen. „Komm! Ziehen wir ab. Pfeif auf die
Nervensägen."
„Ja", sagte sie. „Lass uns für
einen halben Tag vergessen, dass es sie überhaupt gibt."
Die liefen los immer dem sandigen Hohlweg
nach. So früh am Morgen war der Sand noch sehr kühl und etwas feucht.
„Das fühlt sich genial an", sagte
Martina. „So wahnsinnig weich. Einfach klasse. Das kannte ich nicht. Ich bin
sonst nur zuhause barfuß. Früher zog ich mir an der Realschule manchmal zur
großen Pause die Schuhe aus und lief mit bloßen Füßen auf dem Schulhof
rum."
„Ich weiß. Ich hab dich gesehen,
damals, und war neidisch. Ich dachte: Mensch, das möchte ich mich auch mal
trauen, so mitten auf dem Schulhof. Aber als Junge hat man es viel schwerer. Ich
weiß ja nicht wieso, aber wenn ein Mädchen ohne Schuhe rumläuft, schaut man
eher drüber weg als bei einem Jungen. Deshalb mach ich es meist heimlich
außerhalb der Stadt."
„Auf solchen Naturwegen ist es viel
schöner", schwärmte Martina. An einer Stelle, an der der Sand besonders
tief und locker war, blieb sie stehen und bohrte die Zehen tief in den Sand. „Was
grinst du so?" fragte sie ihren Begleiter.
„Ich mach das auch immer. An genau
derselben Stelle." Er gesellte sich zu ihr. „Im Wald ist noch ein
besserer Platz, jedenfalls wenn’s vorher tagelang geregnet hat. Ich nenne die
Stelle die Suhle. Wunderbarer Matsch. Warts nur ab."
Sie setzten ihren Weg fort. Als sie aus
dem Hohlweg herauskamen war die Sonne aufgegangen. Es ging ein Stückchen einen
asphaltierten Feldweg entlang.
„So fühlt es sich also an, ohne Schuhe
durch die Stadt zu laufen", meinte sie.
Der Weg war nur zwanzig Meter weit
asphaltiert. Dann stießen sie auf einen Feldweg, der mit Schotter bedeckt war.
„Die Fakirstrecke", kommentierte
Stefan. „Leider kann man nicht ausweichen. Links ist der steinige Bahndamm und
rechts der breite Wassergraben. Also Augen zu und durch."
„Au!" fluchte Martina, als sie auf
eine besonders dicken spitzen Stein trat. „Das nenne ich ab sofort die
Stachelstraße!" Sie eierten langsam über den Weg, wobei sie die Füße
vorsichtig aufsetzten.
„Wenn man täglich
barfuß ginge, würde
einem auch so ein gemeiner Schotterweg nichts ausmachen", seufzte er. „Es
ist wie beim Radfahren mit untrainierten Beinen: Wenn man ohne ausreichendes
Training auf große Tour geht, geht nach dreißig Kilometern nix mehr. Wenn der
Weg nach Homburg nur nicht so weit wäre! Dann könnte man im Sommer täglich
barfuß zur Schule laufen. Das würde prima abhärten. Na da vorne wird’s ja
schon besser."
Sie kamen zum Waldrand. Der Schotter
hörte auf und die Oberfläche des Weges wurde weich und federnd. Die Sonne
schien durch junges hellgrünes Buchenlaub und malte hellsilberne Kringel auf
ihre Gesichter.
„Schade, dass ich keinen Fotoapparat
mithabe", dachte er bedauernd. „Martinas Gesicht in diesem Licht sieht
zauberhaft aus."
Der Weg lief ein Stückchen abwärts.
Unten in einer Kuhle hatte sich das Regenwasser zu einer Pfütze gestaut. Es war
die „Suhle", von der Stefan erzählt hatte. Sie wickelten ihre Jeans hoch
und stiegen in den Matsch hinein.
„Total cool!" rief Martina und
bohrte die Zehen in den Schlamm.
„Ich find's
am geilsten, wenn der Schlamm
zwischen den Zehen hochquatscht", meinte Stefan. „Wenn uns jetzt jemand
sähe . . . auweia!" Er ahmte die Stimme einer alten Dame nach: „Ach!
Nun guck sich das einer an! Spielen ohne Schuhe im Matsch! Wie die kleinen
Kinder! Also ehrlich! Diese verrohte, verdorbene, nichtsnutzige Jugend! Täten
die mal besser für die Schule lernen!"
Martina brach in girrendes Lachen aus. Sie
musste so sehr lachen, dass sie gegen Stefan fiel und sich an ihm abstützen
musste, was diesem natürlich recht war, da er –wie schon erwähnt- ein wenig
in sie verliebt war.
Er grinste verschwörerisch: „Gleich da
vorne gibt’s eine noch bessere Stelle, Martina! Komm!" Er zog sie ein
Stückchen weiter. Ein kleiner seichter Bach lief direkt neben dem Pfad entlang.
Sein Bett war sandig, nur hier und da lag ein Stein im glasklaren Wasser. Stefan
stieg in den murmelnden Bach. Er stellte die Füße steil nach unten und bohrte
sie mit ruckelnden Bewegungen in das sandige Bachbett hinein: „Das ist das
genialste Feeling der Welt", schwärmte er.
Martina ließ sich nicht zweimal bitten
und folgte ihm in den Bach.
„Uaach! Ist das eisig!" schrie sie.
Er lachte. „Davon hast du nix gesagt", motzte sie gutmütig. Sie hielt
sich an ihm fest und bohrte ihre nackten Füße ebenfalls tief ins Bachbett
hinein."
„Mmmm! Schön!" schnurrte sie und
lehnte sich an seine Brust. Lächelnd blickte sie zu ihm hoch. „Du hast tolle
Ideen", meinte sie.
Er musste erst schlucken, bevor er reden
konnte. Linkisch umarmte er sie. Sein Herz schlug einen Takt schneller. „Wenn
ich gewusst hätte, dass du das gerne magst, hätte ich dir schon früher davon
erzählt. Ich mache solche Ausflüge schon seit ich fünf Jahre alt bin. Weil
ich es heimlich machen musste, lief ich immer außerhalb Bexbachs rum. Es gibt
nichts Schöneres, als barfuß einen sandigen Weg entlang zu laufen. Es tut
einfach unheimlich gut. Ich kam mir halt immer ein bisschen komisch vor, dachte,
ich steh allein da mit meiner Macke."
Sie stiegen aus dem Bach und liefen
weiter.
Das aufregende Gefühl der ersten Minuten
war längst verschwunden. Mittlerweile war es für sie völlig normal, barfuß
zu gehen. Sie sprachen über die Schule und den Unsinn, den man ihnen dort
eintrichterte.
„Wozu muss ich auswendig lernen, wann
vor dreitausendfünfhundertzweiundsechzig Jahren irgendein König in Ägypten
abgekratzt ist?" schimpfte Martina. „Das brauch ich im ganzen Leben nicht
zu wissen! Oder dieses Scheiß-Algebra! Das nützt einem überhaupt nichts! Aber
die Computertechnik, die wird sich durchsetzen! Wart mal: Jetzt haben wir 1981.
In zehn Jahren ist es vollkommen normal, dass alles über Computer geht und wir
Schüler von heute haben dann Null Ahnung davon. DAS müssten sie uns in der
Schule beibringen. Aber nein! Es heißt, das sei Spielerei! Verdammt! Mit dieser
Spielerei sind die Amis auf den Mond geflogen!"
„Da kann ich dir nur Recht geben",
sagte Stefan resigniert. „Das deutsche Bildungswesen ist eines der
beschissensten der Welt. Anstatt uns aufs Leben da draußen vorzubereiten,
stopfen sie uns nichts als unnötigen Mist in die Köpfe! Zum Kotzen ist
das!"
Sie gingen weiter, maulten jetzt über
ihre Elternhäuser und die Erwachsenen im allgemeinen., die anscheinend nur dazu
da waren, einem alles, was Freude machte, zu verbieten.
Endlich war der Wald zu Ende. Nun führte
ein Sandweg durch Felder und Wiesen.
„Da hinten ist Homburg",
verkündete Stefan. „Man kann die Häuser schon sehen." Er lächelte. „Dann
ist Mutprobe angesagt."
„Mutprobe?"
Er erklärte es ihr: „Na sonst hatte ich
immer Schuhe und Socken dabei. Kurz vor Homburg zog ich sie an und kaufte mir
was in der City, bevor ich barfuß wieder nach Bexbach wanderte. Heute habe ich
zum ersten Mal meine Schuhe zurück gelassen. Ob ich will oder nicht, jetzt MUSS
ich barfuß in die Stadt und in die Geschäfte."
„Ist doch nix dabei", fand sie. „Es
ist doch das Natürlichste der Welt."
„Du hast gut reden", dachte er bei
sich. „Aber als Junge ist es schwerer. Außerdem sind wir zu zweit. Jeder hat
in dem Anderen eine Verstärkung an seiner Seite." Doch er behielt seine
Meinung für sich, genoss es lieber, mit einem Mädchen in das er verschossen
war, eine solch schöne Wanderung zu unternehmen.
„Ich finde es toll, so eine Wanderung
mit bloßen Füßen", sagte Martina. „Das könnte ich jeden Tag
machen."
„Wem sagst du das", entgegnete er.
„Wenn es nach mir ginge, würde ich so leben wie vor hundert Jahren. Damals
gingen alle Kinder und Jugendlichen von März bis Ende September barfuß. Mann,
hatten die es schön!"
„Ich träume manchmal von so einer Art
Sommerland, in das man durch einen geheimen Zugang reinkommt", meinte
Martina. „Dort gibt es keine Autos, keine Asphaltstrassen, keine
Umweltverschmutzung, keine Übervölkerung. Alle leben in gemütlichen kleinen
Dörfern und auf den Feldwegen kann man sorglos barfuß gehen."
Stefan blieb die Spucke weg. „Ey, das
ist MEIN Traum, du Diebin!" Er grinste. „So ähnlich sieht es auch in
meinem Traumland aus. Dort lebe ich auf einem kleinen Bauernhof für mich
allein, habe die Natur um mich und es interessiert keinen, ob ich Schuhe trage
oder nicht, weil dort alle barfuß laufen, solange es das Wetter zulässt. So ne
Art Heidiweltverschnitt."
Sie mussten beide lachen.
„Ich glaube, von so einem
umkomplizierten Leben träumt jeder Mensch", sinnierte Martina. Sie
seufzte. „Wenn's nur mal so wäre!"
„Wenn sie einen wenigstens in Ruhe
ließen!" grummelte Stefan. „Aber immerzu müssen sie motzen, egal was
man macht! Was geht’s die überhaupt an?!"
„Heute hat doch keiner gemotzt",
hielt sie dagegen.
„Nee, hier draußen in der freien Natur
nicht. Da hat man noch seine Ruhe."
„Ich könnte das jeden Tag machen",
schwärmte sie. Sie fasste seine Hand: „Sag mal, wollen wir so eine Tour nicht
mal wieder unternehmen?"
„Nur zu gerne", stimmte er zu. „Aber
dafür blau zu machen, ist uncool. Wir könnten es ja in Zukunft samstags
machen. Da ist immer frei. Im Herbst ist es auch schön. Man kann barfuß durch
das gefallene Laub gehen."
Kurz danach kamen sie in Homburg an. Eine
strahlende Sonne lachte von blauen Himmel und hatte den Asphalt aufgewärmt.
Besonders das Kopfsteinpflaster am alten Markt hatte es den beiden angetan.
Über die glatten abgerundeten „Katzenköpfe" zu laufen, fühlte sich
toll an. Eigentlich fühlte sich fast jeder Untergrund toll an. Es war eine
Reise in einer völlig neue Gefühlswelt. Als wären ihre Füße am Verhungern
gewesen und nun bekamen sie Fühlreize satt.
In einer Metzgerei kauften sie sich
Brötchen mit warmer Fleischwurst. Zuerst genierte Stefan sich ein wenig, mit
bloßen Füßen das kleine Geschäft zu betreten, aber als er sah, wie
natürlich Martina damit umging, barfuß zu sein, folgte er ihr.
Mampfend durchquerten sie die Stadt.
Stefan hatte vorgeschlagen, den Rückweg auf anderen Wegen zu machen. Zum
Schluss würden sie wieder beim Schuhversteck im Hohlweg hinterm Bexbacher
Bahnhof ankommen.
Ab und zu kamen ihnen Fußgänger
entgegen, meist Hausfrauen auf Einkaufstour. Manche Leute schauten verdutzt auf
die nackten Füße der beiden Teenager, doch den meisten schien es gleichgültig
zu sein.
„Hätte nie gedacht, dass es so einfach
ist", dachte Stefan laut. „Früher hatte ich immer ein bisschen Schiss
davor, barfuß durch die Stadt zu laufen. In Bexbach geht’s echt nicht. Die
Leute würden mich sofort zuhause verpfeifen und meine Leute würden mir den
letzten Nerv töten. Alles Armleuchter, die Alten! Die kotzen mich manchmal
dermaßen an!"
Sie ließen sich ihre gute Laune nicht
verderben und marschierten weiter. In einem kleinen Supermarkt am Stadtrand
kauften sie Sprudel, zwei Dosen eiskalte Cola und ließen sich an der
Metzgereitheke Salamibrötchen machen. Mit ihren ergatterten Vorräten verzogen
sie sich stadtauswärts. Inmitten von Feldern gab es ein kleines schmales
Wiesenstück mit einer dichten Hecke genau in der Mitte. Hinter der Hecke waren
sie vor neugierigen Blicken verborgen. Dort breiteten sie Stefans Decke aus und
hielten ein gemütliches Picknick. Danach lagen sie faul auf der Decke und
starrten mit halbgeschlossenen Lidern in den Himmel, sahen den Wolken zu, die
über die Bläue dahin zogen.
„Ich seh' einen Hasen", murmelte
Martina schläfrig.
„Ich auch", brummte er. Er schaute
auf Martinas nackte Füße. Sie sahen hübsch aus, klein und zierlich. Keine
Spur von dickem schrundigem gelben Horn oder eingewachsenen Nägeln, wie man es
bei älteren Frauen oft sah. Keine Hühneraugen deuteten auf zu enges
unpassendes Schuhwerk hin. Gesund sahen sie aus, diese Füße. Wie lange noch?
Martina bemerkte seinen Blick. „Gefallen
dir meine Füße?" fragte sie rundheraus.
„Was? Ähm..." Er wurde rot. „Nein...äh...ich
meine doch! Also ich will sagen, alles an dir gefällt mir: Deine Füße, deine
Hände, deine Nase (sie hatte eine niedliche Stupsnase), deine Haare." Ihm
gingen die Worte aus.
„Sag was, du Rindvieh!" schalt er
sich innerlich.
Sie lächelte freundlich.
„Deine Füße gefallen mir", gab er
zu. „Weil die nicht so widerlich voller Horn sind wie bei manchen Mädchen und
Frauen, die sich nicht kümmern. Du hast keine Hühneraugen. Du wirkst so
natürlich, wenn du barfuß gehst." Er gab sich einen Ruck: „Aber am
allerbesten gefallen mir deine Augen. Ich steh nämlich auf dich. Wär' mir egal,
sogar wenn deine Beine amputiert wären, würdest du mir gefallen." Er
errötete noch mehr.
Sie rollte sich an ihn heran, ganz dicht.
Ihr Gesicht war seinem ganz nahe: „Sag das noch mal!"
„Ich mag dich, Martina", sagte er
leise. „Hab mich bloß nicht getraut, es dir zu sagen. Ich ... wenn ich
verliebt bin, bin ich immer so blödsinnig schüchtern."
Sie umarmte ihn und küsste ihn auf den
Mund: „Du bist so was von süß!"
„Du auch, Martina. Ich bin echt voll in
dich verknallt. Und dass du so bist, so natürlich meine ich, das haut mich echt
um."
Sie küssten sich und vergaßen alles um
sich herum.
Eine Stunde später machten sie sich auf
den Heimweg. Sie beeilten sich, denn es sah nach Regen aus. Unterwegs träumten
sie von „ihrem" Selbstversorgerhof auf dem Lande, den sie biologisch
bewirtschaften wollten.
„Aber in die Viehställe tapp ich nicht
barfuß", meinte Stefan grinsend. „Da zieh ich Holzzoggelchen an. Ich
steh nicht auf Kuhkacke."
Sie brachten den
scheußlichen Schotterweg
hinter sich, für den es keine Alternative gab und kamen in den sandigen
Hohlweg, wo ihre Barfußtour am Morgen angefangen hatte. Die hochstehende Sonne
sandte flirrende Lichtreflexe durch das dichte Laubdach. Sie kamen bei ihrem
Versteck an. Hinter ihnen färbte sich der Himmel schwarz. Es donnerte.
„Wie es aussieht, werden wir auf dem
Nachhauseweg noch gewaschen", meinte Martina. „Da kriegen wir wenigstens
saubere Füße."
„Meinst du?" Er war etwas
verunsichert.
„Mensch, nun trau dich doch!"
stichelte sie gutmütig. „Was kann dir schon passieren? Lass die Leute doch
glotzen! Glotz einfach zurück!"
„Recht hast du!" sagte er. Sie
stopften ihre Schuhe und Socken in die Schultaschen und liefen in die Stadt
hinein.
Auf dem Marktplatz kamen ihnen drei
ältere Damen entgegen, die ziemlich pikiert auf die nackten Füße der beiden
schauten. Deutliche Missbilligung stand in ihren Gesichtern.
Stefan ritt der Teufel. Er hielt die
Hände seitlich an den Kopf, imitierte mit den hochgereckten Zeigefingern
Hörner und machte laut: „Muuuh!"
Martina grabschte ihn lachend am Kragen
und zerrte ihn weg. „Keine Angst. Ich bin seine Wärterin. Es besteht keine
Gefahr. Es wird bloß Zeit, dass er sein Pfund rohe Leber kriegt, dann wird er
wieder ruhig." Kichernd zogen sie ab.
Es begann zu regnen.
„Siehst du! Was habe ich gesagt? Wir
werden noch gewaschen", rief Martina. Sie sprang mitten auf die Straße,
breitete die Arme aus und drehte sich im Regen im Kreise. Sie begann zu singen:
„I´m singing in the rain..." Stefan gesellte sich zu ihr und sang mit.
Eine Rentnerin mit einem Kampfhund
(Bavarian Straffordshire Rauhaardackel) blieb stehen und lächelte: „Schön,
dass es noch Jugendliche gibt, die so natürlich sein können."
„Schönen Tag noch", wünschten
Martina und Stefan und liefen weiter.
„Ebenfalls", rief die Frau
hinterher.
An der Ecke zur Kolpingstraße blieben sie
stehen. Martina musste hier abbiegen.
Sie küssten sich.
„Das war toll heute mit dir",
flüsterte sie. „Ich freu mich schon auf nächstes Mal."
„Ich mich auch, Tina", sagte er
leise.
„Dann bis Samstagmorgen."
„Ja, bis Samstagmorgen."
- E N D E -
|
zurück zur Übersichtsseite
des "Best of" |