Barfuß - Literatur - Ecke : Entfaltung der Sinne
(Forumbeitrag im Frühjahr 1999)

Hallo zusammen, für die Literaturecke habe ich in dem Buch "Entfaltung der Sinne" ein vielleicht ganz interessantes Kapitel für dieses Forum gefunden.
Kurz zum Buch (aus dem Klappentext): Großtechnische Entwicklungen beschränkt menschliche Wahrnehmung auf bloße "Kopfarbeit". Nur Entfaltung unserer Sinne wie Riechen, Fühlen, Schmecken, hören und Sehen sowie stetes Einüben in das Gleichgewicht des Körpers vermögen diese Zerstörung des Menschen aufzuhalten.
Mit seinem "Erfahrungsfeld" zeigt Hugo Kükelhaus 33 Stationen, in denen die Sinne neu entdeckt weren können. Dadurch erweist sich dieses Buch, zusammenmit den Texten von Rudolf zur Lippe, als ein richtungsweisendes, kunstvoll bebildertes Kompendium einer ganzheitlichen Erfahrung des Körpers und damit menschlichen Lebens überhaupt.
Folgendes Kapitel fand ich interessant. Bemerkenswert ist, daß nirgendwo von "Barfuß" geschrieben wird, aber implizit gemeint ist, auch in der beigefügten Zeichnung (fehlt hier leider). Hugo Kükelhaus beschreibt darin einen von ihm entworfenen Barfußparcours:

"S. 111, Schule des Gehens
Die Station 15 nennt Hugo Hükelhaus eine Schule des Gehens, weil sie auf vielfältige Weise dazu anregt, alle Funktionszusammenhänge des "aufrechten Ganges" besonders auszubilden. Vor allem wird der Gang aus dem bestimmten Kontakt der Füße mit verschiedenen Böden bestimmt. Die Füße selbst werden, indem sie sich verschiedenen Materialstrukturen anpassen, ja sie zunächst erst erprobend ausmachen, außerordentlich belebt. Dies ist keineswegs nur für die Fußmuskulatur wichtig. Nervenbahnen verbinden die Fußsohlen mit allen Organen des ganzen Körpers und leiten die belebenden Wirkungen zu ihnen weiter. "Massage" auf diesem Wege wirkt auf feinste Weise in die Tiefen des Organismus. Außerdem wird der Tastsinn, der ja keineswegs etwa auf die Hände begrenzt ist, auch an den Füßen gereizt und gestärkt. Im Gehen tasten sich die Füße vor und erproben das Gelände. Entsprechend seinen Eigenschaften greifen die Fußsohlen den Boden und geben dabei Gleichgewichtsempfindungen an den Körper weiter, die alle Glieder und den Rumpf wie den Kopf zu Ausgleichsbewegungen im dynamischen Gleichgewicht veranlassen. Es entfaltet sich über den Buckeln und Kanten, Sandflächen und Steinen, Holzbohlen und Kieseln die Einheit von kleinmotorischen Fußgewegungen und großmotorigen Haltungsveränderungen, die wir "greifenden" Gang nennen können.
Das Greifen mit den Füßen kann man üben, indem man mit den Zehen Kiesel aufnimmt und sie ins Wasser wirft, das mit Wellenkreisen antwortet. Beim Wiederaufnehmen der Kiesel mit den Händen kann man die Wirkung des Wassers auf die Glieder spüren.
Die Schritte werden um so bewußter vollzogen, als sie im leicht ansteigenden Gelände verzögert werden. Zugleich werden sie aber beschringt durch den ihnen entgegenströmenden Lauf des Wassers in der Reihe kleiner Schalen. Dessen Bewegung und Geräusch verstärken die Bewegungsimpulse der Gehenden, obwohl sie zugleich entspannend wirken.
Übrigens sind die Schalen so geformt, daß das Wasser in den im eigenen Strudelbewegungen von Schale zu Schale fließen kann; die Bewegungsform wird sogar derart verstärkt, daß es - wie durch eine Art von Massage oder Selbstrhythmisierung - am Ende mit der Spannkraft frischen Quellwassers ankommt und in den Schalen eine pulsende Bewegung von der einen zur anderen Schalenhälfte entwickelt. Es kann so geradezu heilende Kaft entfalten. Seine stärkende Selbstrhythmisierung im fallenden Fluß kann der bergan Gehende in seinen Schritten aufnehmen.
In der Schule des Gehens werden Relieferfahrungen der Füße, besonders intensiv am Strand, und das Erlebnis von Wanderungen an Bergbächen verbunden. Das Gefühl, rascher und leichter voranzukommen, das durch einen entgegenkommenden Zug oder auf einem rollenden Teppich hervorgrufen wird, verbindet sich im Wasserlauf mit der Anregung zu eigenem Rhythmus."
Frohe Diskussion wünscht Euch Kai

(Hugo Kükelhaus, Rudolf zur Lippe), Verlag fischer alternativ, ISBN 3-596-24065-4, 1991

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Barfuß - Literatur - Ecke : aus Thoreaus Tagebuch
(Forumbeitrag im Sommer 1999)

Guten Abend zusammen, für die literarisch Interessierten hier ein kleiner Text für die Literaturecke - alle anderen hoffe ich zumindest nicht zu langweilen.
Henry David Thoreau, amerikanischer Philosoph, Landvermesser, Wanderer (1817-1862)
Quelle: Henry David Thoreau "Aus den Tagebüchern" (zusammengestellt und übersetzt von Susanne Schaup), Tewes, 1996.

Tagebucheintrag 20.10.1857 :
Ich war erst ein kleines Stück auf der alten Carlisle-Staße gegangen, als ich Brooks Clark sah, der jetzt an die achtzig ist und krumm wie ein Bogen. Er eilte die Straße entlang, barfuß wie gewöhnlich, mit einer Axt in der Hand - vielleicht war er in Eile, weil ihn die Füße in dem kalten Wind froren. Als er zu mir kam, sah ich, daß er außer der Axt in der einen Hand, seine Schuhe in der anderen trug, mit knorrigen Äpfeln und einem toten Rotkehlchen darin. Er blieb stehen, sprach ein Weilchen mit mir und sagte, daß wir einen prachtvollen Herbst hätten und uns jetzt auf kaltes Wetter gefaßt machen müßten. Ich fragte ihn, ob er das Rotkehlchen tot gefunden habe. Nein, antwortete er, er habe es mit gebrochenem Flügel gefunden und getötet. Er fügte hinzu, daß er ein paar Äpfel im Wald gefunden habe, und da er nichts besaß, worin er sie hätte heimtragen können, steckte er sie in seine Schuhe. Die waren freilich ein seltsamer Früchtekorb. Wie viele Äpfel er bis vorn in die Zehen hineinbrachte, weiß ich nicht. Ich bemerkte auch, daß seine Taschen vollgestopft waren. Sein alter zerschlissener Gehrock schlotterte wie seine Hose um seine nackten Füße. Er schien an diesem stürmischen Nachmittag ausgerückt zu sein, um wie ein kleiner Junge zu spähen, was er ergattern konnte.
Es freute mich, diesen fröhlichen Alten zu sehen, der nur noch mit einem schwachen Fuß im Leben stand, krumm wie ein Schürhaken, und dabei seinen Lebensabend genoß. Ich denke nicht daran, es Hagsucht oder Geiz zu nennen, dieses kindliche Vergnügen, etwas in Wald oder Feld aufzulesen und an einem Oktoberabend nach Hause zu bringen als Trophäe oder als Beitrag zum Wintervorrat. O nein, er war glücklich, daß die Natur ihn immer noch bewirtete und daß er seine Nahrung picken durfte wie ein Vogel. Besser sein Rotkehlchen als euer Truthahn, besser seine Schuhe voll Äpfel als eure Fässer. Sie werden süßer schmecken und etwas Schöneres zu erzählen haben. (...)
Er war draußen gewesen gewesen, um nachzusehen, was die Natur ihm beschert, und eilte nun heimwärts zu einem Unterschlupf, der ihm vertraut war, wo er seine alten Füße wärmen konnte. Wäre er ein junger Mann gewesen, hätte er wahrscheinlich aus Scham seine Äpfel weggeworfen und seine Schuhe angezogen, als er mich kommen sah. Aber das Alter ist souveräner, es hat gelernt zu leben und entschuldigt sich nicht bei jeder Gelegenheit. Es scheint mr ein sehr mannhafter Mann zu sein. Kai

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