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Kai berichtet vom barfüßigen Tagungsbesuch
(Forumbeiträge im Sommer 1999)
Hi zusammen, letztes Wochenende fuhr ich auf eine Tagung
bei der ev. Akademie in Tutzing. Nach den Barfuß - Erfahrungen der
letzten Wochen war auch relativ schnell klar, dass ich das Wochenende im Wesentlichen
(vielleicht sogar ganz) barfuß verbringen wollte. Gedacht, nochmals darüber nachgedacht
.... getan!
Barfuß ging es mit der S - Bahn nach Stuttgart - die ersten etwas erstaunten Blicke
einiger Jugendlicher, aber keine Kommentare. Im Zug nach München sahen einige Leute im EC
schon etwas verwunderter aus. Ich kann da die Fahrgäste schon verstehen: Es wirkt in
einem klimatisierten Großraumwagen wirklich etwas ungewohnt, einen Erwachsenen in
ansonsten "normaler" Kleidung barfuß zu sehen, insbesondere wenn dieser beim
Verlassen des Platzes nicht etwa einfach die vermeintlich ausgezogenen Schuhe wieder
anzieht, sondern barfuß durchs Abteil "stiefelt". Vor einigen Monaten hätte
ich mir da sicher auch den einen oder anderen befremdlichen Gedanken gemacht. Meine
Freundin, bereits vorausgefahren, erwartete mich in München - Pasing, von wo aus wir dann
die Regionalbahn nach Tutzing nahmen. Sie ist meine Barfüßigkeit zwar schon so langsam
gewohnt, dass ich barfuß auf Reise gehe war aber dann doch etwas ungewohnt für sie (und
für mich zugegebenermaßen auch!). Aber sie lässt mir da meinen Willen und ich ihr
ihren. Sie fragt mich nur immer, ob der Boden nicht unangenehm (Kies, Splitt) wäre oder
zu heiß. Ansonsten hat sie keine Probleme damit, einen Barfüßer neben sich zu haben.
Bei der Tagung waren dann etwa 80 TeilnehmerInnen, ca. 4/5 Frauen, die meisten unter 35.
Mit Ausnahme einiger, die am See die Schuhe auszogen (Tutzing liegt am Starnberger See,
südlich von München), war ich der einzige Barfüßer während des ganzen Wochenendes.
Sehr viele trugen allerdings sockenlos Sandalen, ließen sich aber nicht von mir
anstecken, die Schuhe ganz auszuziehen. Die Männer trugen dafür in der Mehrzahl normale
Straßenschuhe und Socken, also so ziemlich das Gleiche, was sie vermutlich auch im Herbst
und Winter bei einer solchen Tagung getragen hätten wenn es deutlich kälter wäre. Deren
Füße dürften ganz schön dampfgegart worden sein.
Natürlich fiel ich barfüßig auf und es sprachen mich auch mehrere Leute an. Ich hatte
aber den Eindruck, dass Barfußlaufen etwas in die Rubrik "skurril" fiel, nicht
aber als realistische Geh - Alternative angesehen wurde. Netterweise wurde ich aber bei
Gesprächen in den Kaffeepausen im Freien hin und wieder gefragt, ob ich mich lieber auf
die Wiese stellen möchte, anstatt auf dem Kiesweg zu stehen. Auch wenn die Wiese deutlich
bequemer als der Kiesweg war, schlug ich diese netten Angebote meistens aus - irgendwo
wollte ich ja auch demonstrieren, dass Barfußlaufen eben nicht nur für die Wiese, den
Strand oder das Wohnzimmer taugt, sondern durchaus alltagstauglich ist.
Für die Modeinteressierten: Ich trug ansonsten übrigens eine weiße Jeans und
kurzärmliche Hemden. Ich hatte zwar zuerst eine kurze Hose anziehen wollen, fand aber
dann für die Tagung eine lange Hose passender. Außerdem war damit auch klar, dass
ich
barfuß nicht aus Temperaturgründen ging.
Ich hatte es früher schon mal geschrieben: junge Frauen scheinen im Gegensatz zu den
späten Achtziger / frühen Neunziger Jahren deutlich barfußskeptischer zu sein,
einhergehend mit einem gestiegenen Modebewusstsein. Die Beobachtung einiger
Forumsteilnehmer/innen, dass mehr Männer als Frauen barfuß gesehen werden, bestätigte
sich in den Reaktionen der Tagungsteilnehmer/innen (auch wenn die Stichprobe durch den
deutlich höheren Frauenanteil verzerrt ist). Auch schien mir, dass etwas ältere Leute
(hier meine ich jetzt Leute jenseits der 40, also ca. 10 Jahre älter als ich) deutlich
legerer auf meine Barfüßigkeit reagierten, sie überwiegend negierten.
Insgesamt verbrachte ich ein sehr angenehmes Barfuß - Wochenende bei dieser Tagung. Wie in
einem kleinen Dorf kannte bald jede/r jede/n und meine Barfüßigkeit wurde offensichtlich
als Teil meiner Persönlichkeit angesehen. Würde ich Teilnehmer/innen nochmals treffen,
bekäme ich sicher die Frage (sollte ich dann gerade Schuhe tragen), warum ich nicht
barfuß bin. Zurück musste ich dann aber leider doch leichte Segeltuch - Schuhe anziehen,
da der Asphalt sich in der hochsommerlichen Mittagssonne ziemlich erhitzte. Doch im Zug
konnte ich mich dann wieder von den Schuhen befreien. Im Zug fielen mir dann auch mehrere
Leute auf, überwiegend in kurzen Hosen, die auch ihre Schuhe ausgezogen hatten, die
Socken aber anbehielten und teilweise dann auch in Socken rumliefen. Rein optisch nach
meinem ästhetischen Empfinden ein Graus: kurze Hose und Socken. Alles in allem - ein
angenehmes Wochenende: eine erste Zugfahrt barfuß gemacht, erstmals eine (teil-)
öffentliche Veranstaltung barfuß teilnehmend bestritten und die eigene Barfuß - Grenze
wieder ein Stückchen weiter rausgeschoben.
Macht's gut Kai
[schien mir, dass etwas ältere Leute (jenseits der
40) deutlich legerer reagierten]
Mich erstaunt immer wieder, wie sehr viele der jüngeren Leute (im Vergleich zu mir) auf
das Angepasstsein aus sind. Die Angst um das Image und das Diktat der Mode lassen sie
freiwillig auf die großartigen Freiheiten verzichten, die man heute besitzt ...
[Barfüßigkeit als Teil meiner Persönlichkeit angesehen. ... Würde ich
Teilnehmer/innen nochmals treffen, bekäme ich sicher die Frage (sollte ich dann gerade
Schuhe tragen), warum ich nicht barfuß bin]
Deshalb ist für mich das Schuhetragen auch immer mit dem Risiko verbunden, mir blöde
Bemerkungen einzuhandeln ("Du mit Schuhen! -- hast Du was an den Füßen?") --
warum soll ich das auf mich nehmen? Ich habe jetzt in meinem Umfeld den Kopf so weit in
Sachen Barfuß - Propaganda herausgestreckt, dass ich gar nicht so leicht zurückkann ... Lorenz
Menschen sind ganz wesentlich darauf angewiesen, dass sie sich auf stabile Verhaltensweisen einrichten können, also "verlässliche" Gegenüber haben. Das beginnt bereits bei den kleinen Alltagsgesten (Grüßen, Ausweichen bei einer Begegnung, Sicherheitsabstand, Blickkontakt, Ordnung im Kühlschrank, zugeschraubte Zahnpastatuben, etc.). Und so wird auch die Barfüßigkeit, sobald regelmäßig an jemandem beobachtbar, als Teil dieser Person angesehen werden. D.h. im regelmäßigen Umfeld wird dann - wie von Dir beschrieben - das Schuhetragen als die aus dem Alltagsrahmen fallende Besonderheit betrachtet. Anders ist es natürlich in fremdem Terrain - dort fällt natürlich der/die Barfüßige auf. Das bedeutet zum Beispiel auch, dass meiner Meinung nach in einem kleineren Dorf (siehe Beitrag von Lupu von gestern) mit engeren Sozialkontakten ein/e kontinuierlich Barfüßige/r sicherlich am Anfang mehr Beachtung findet, mittelfristig aber (sofern man sich ansonsten den lokalen Sitten anpasst und sich nicht sozial absondert) durch den Gewohnheitseffekt nicht mehr über Gebühr auffallen wird. Grüße an alle Kai
Hallo Kai, will du uns noch das Thema der Tagung verraten? Tschöööö, Jörg
Hi Jörg, wenn's Dich interessiert ... es hat nichts mit Barfußlaufen zu tun ;-) Der Titel lautete "Eine Klasse für sich? Frauen und Männer in Führungspositionen". Es ging im Wesentlichen über die Förderung, bzw. den Abbau von Hindernissen bei der beruflichen Entwicklung von Frauen. - auch für Männer übrigens sehr interessant. Gruß Kai
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Kai
findet : "Barfuß ein Seminar zu leiten ist sehr angenehm"
(Forumbeitrag im Frühsommer 1999)
Hi zusammen, da mir das Barfußgehen so langsam richtig
Spaß macht und die ersten Erfahrungen ganz positiv verliefen (Barfuß -
Radfahren, Barfuß
im Büro an den heißen (!) Tagen), entschloss ich mich, auch bei einem von mir geleiteten
Seminar zumindest einige Zeit barfuß zu sein.
Das Seminar ging von Freitag bis Sonntag. Am Freitag wollte ich die Teilnehmer/innen noch
nicht allzu sehr "erschrecken" und trug erst einmal nur Sandalen ohne Socken. Das
war, gemessen am Schuhstandard der anderen, schon etwas auffällig. Ab Samstag Vormittag
ließ ich die Sandalen hin und wieder an meinem Stuhl stehen, wenn ich aufstand um an
einer Pinwand etwas aufzuschreiben oder (es war ein Internet-Seminar) einer Gruppe am PC
was zu erklären. Ab dem Nachmittag trug ich dann konsequent keine Schuhe mehr.
Bemerkungen gab es (zumindest in meiner Gegenwart) überhaupt keine. Ich hatte nicht mal
den Eindruck, dass meine Füße besonderer Blicke gewürdigt worden wären. Barfuß ein
Seminar zu leiten ist übrigens eine sehr angenehme Angelegenheit. Da man dabei ja
ständig auf den Beinen ist, hatte ich früher oft über meine Schuhe geflucht und abends
nichts schneller getan als diese auszuziehen. So aber hatte ich keinerlei Beschwerden, der
leichte Nadelfilzboden war auch recht angenehm zum Gehen und hatte (glaube ich zumindest)
eine belebende Wirkung auf meinen Kreislauf.
Ab dem Mittagessen habe ich dann auch die Mahlzeiten barfuß eingenommen. Auch eine zweite
anwesende Gruppe in dem Seminarhaus, bemerkte wohl die fehlenden Schuhe, ich konnte aber
keine Bemerkungen hören, obwohl es Jugendliche so ca. zwischen 16 und 19 Jahre alt waren,
von denen ich schon die eine oder andere Bemerkung erwartet hätte.
Das Seminarhaus ist ein im englischen Landhausstil erbautes Herrenhaus, in welchem ich mir
anfangs schon etwas deplaziert barfuß vorkam, da das Ambiente mehr den Typ Lackschuh
forderte. Aber was soll's, kam ich mir halt eher vor wie ein "spleeniger Lord"
;-). Wenn man im Kopf eine kleine Rolle hat, ähnlich einem Schauspieler, kommt man mit
vielen Situationen viel leichter zurecht. Bei meinen ersten Barfußspaziergängen hatte
ich zum Beispiel auch immer im Hinterkopf, dass ich im Selbstversuch für das Thema
"Barfußwandern" der Wanderjugend-Zeitschrift recherchiere. Das bildete für
mich anfangs eine gewisse rationale Erklärung des ungewohnten Verhaltens. In dieser Rolle
störten mich dann (vermeintliche oder erwartete) Bemerkungen überhaupt nicht - abgesehen
davon, dass ich nie eine Bemerkung gehört habe.
Zurück zum Seminar: Natürlich gab es auch einen Barfußspaziergang außerhalb, der
allerdings wegen der längeren Regenperiode vorher eine eher kühle Sache war. Aber auch
das war, nachdem ich bisher fast nur auf recht warmem Boden gegangen war, für mich sehr
interessant und ich war (als Barfuß - Anfänger) sehr begierig, keinen Eindruck
auszulassen und verschiedenste Untergründe zu testen. Durch die Übung des letzten
Monats, sind meine Sohlen auch nicht mehr so schnell müde und verkraften auch mal eine
längere Kiesstrecke.
Alles in allem war es ein sehr angenehmes Barfuß - Wochenende. Ich muss aber dazusagen,
dass ich diese Barfuß -Einlage wahrscheinlich nicht gemacht hätte, wenn ich die
Teilnehmenden nicht schon überwiegend vorher zumindest lose gekannt hätte. Auf
ganz fremde Seminarteilnehmer könnte ein barfüßiger Referent zumindest
"sonderbar" wirken und damit ersteinmal vom Seminar ablenken.
Ich glaube, man sollte akzeptieren, dass man barfüßig doch auch viele Leute provozieren
kann, da man durch seine Barfüßigkeit zumindest ungeschriebene Normen bzw. Werte
verletzt. Letzteres fällt mir auch immer wieder auf, wenn ich bei einem meiner
Spaziergänge auf türkische Frauen treffe, die schon fast erschrocken den Kopf abwenden,
wenn ihr Blick auf meine Füße fällt. Aber auch in Deutschland ist wohl mit den Füßen
ein starkes Tabu verbunden, welches man nicht unbedingt in den "heikelsten"
Situationen durchbrechen sollte.
Dies spiegelt, so glaube ich, ja auch die Barfußpraxis der meisten Forumsteilnehmer
wieder. So, jetzt reicht's aber für heute. Einen barfüßigen Abend wünscht Euch Kai
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