Jörg denkt an sein "Wüstes Barfuß - Abenteuer, Jugoslawien 1975 (Serbien)"
(Forumbeitrag im Frühjahr 1999 - während des Kosovokrieges)

Nachdem ich hier noch nie ein Barfuß - Erlebnis im Forum schilderte, sei heute zum Stichwort "Jugoslawien" eines zum Besten gegeben. Sicher ein Barfuß - Abenteuer der anderen Art ...
Ich war - etwa 18-jährig - mit einem Freund per Tramp nach Griechenland unterwegs. Der sogenannte "Autoput" führte über Belgrad - Nis - Skopje, also über weite Strecken durch Serbien. Schon damals war die Passage dieser Region stets unerfreulich: Dreck an den Straßen, unfreundliche Menschen, vielerorts schlechte soziale Verhältnisse sind mir noch gut in Erinnerung. Unter Griechen galt die Devise, viel Sprit im Kanister mitzunehmen und möglichst erst wieder auf griechischem Boden das Auto zu verlassen.
Irgendwo zwischen Belgrad und Nis hatte uns jemand durch ein Missverständnis ins Hinterland bis zwischen Nis und Skopje mitgenommen. Dort waren nur noch Pferdekarren unterwegs, mit unserem Tramp war es "Essig". Wir beschlossen, das Gepäck nicht sichtbar im Gebüsch zu lassen, und jeweils nur einer von uns sollte sich an der Straße aufstellen. Vielleicht würden so eher Autos anhalten ...
Irgendwann nachts schob ich "Tramp-Schicht", als ein Polizeikommando anhielt und mich ohne langes Federlesen kommentarlos grob ins Auto zerrte. Gepäck und Kumpel blieben zurück. Auf einer kleinen, gammeligen Dorf - Polizeiwache musste ich mich bis auf die Unterhose auskleiden und wurde ziemlich brutal verhört. Es war eine klapprige Bruchbude. Es gibt Situationen, welche in dir plötzlich Instinkte wie ein wildes Tier wachsen lassen. Noch während man mich schlug, lag meine Aufmerksamkeit bereits auf der Suche nach Fluchtmöglichkeiten. Ich merkte zumindest, dass man wohl eigentlich einen entflohenen Straftäter, einem Schmuggler oder so was suchte. Man sperrte mich dann in ein Nebenzimmer, das wohl eine Art Internierungszelle sein sollte. Das Fenster war durch drei eingemauerte Eisenstangen gesichert. Ich hatte keinen Pass mehr, hatte alle Kleidung bis auf die Unterhose ausziehen müssen und bekam in der Nacht nur mit Bitten meine Jeans, nicht aber Hemd und Wanderschuhe zurück. Dann passierte nichts, außer, dass der Dorfpolizist am Abend begann, sich zu besaufen. So ging das drei Tage und drei Nächte. Zum Essen gab es wässrige Suppe und rohes Gemüse.
Am 4. Abend hatte man offenbar Nachschub - Probleme mit dem Essen; der Polizist hatte sich Nachschub besorgt, Suppe und Löffel für mich sowie neuen Schnaps für sich selbst. Zuvor hatte ich sorgsam die Beschaffenheit der Mauer samt Gitterstäben inspiziert: verputzte Klinkersteine, darin die Stäbe eingelassen. Als der Kerl nachts endlich volltrunken war, begann ich, den Löffelstiel zu schärfen und dann die Mauerfugen am unteren Fensterrand freizulegen. Es ging besser, als ich dachte, wenngleich die Lockerung der Steine mit bloßen Händen Schwerstarbeit wurde. Stunden arbeitete ich, schweißüberströmt. Irgendwann bekam ich einen Stab frei und konnte ihn lösen. Der entstandene Gitterspalt war sehr eng. Ich zog mich hoch, quetschte mich hinein und bekam einen wüsten Muskelkrampf. Mit den nackten Füßen arbeitete ich mich an der Wand empor, das Fenster war etwa auf 1,7 m Höhe. Schließlich musste ich die Jeans wieder ausziehen und fast nackt durchschlüpfen. Brust und Hüfte schmierte ich mit der Suppe ein. Nur wegen der Schicht aus Schweiß und Fettschmiere auf meiner Haut gelang es, durch den Spalt zu gleiten, ohne stecken zu bleiben. Draußen fiel ich kopfüber, die Jeans in der Hand, in einen Müllberg und zog mir kleinere Schnittverletzungen an Brust und Arm zu, die aber reichlich bluteten und mich übel aussehen ließen. Dann flüchtete ich - barfuß mit Jeans und freiem Oberkörper - in die Nacht. Auf einem Feld klaute ich Gemüse und "fraß" es mit Erde und Kraut wie ein Tier. An einem Ziehbrunnen reinigte ich mich. Zum Glück war meine Haut noch so sonnenbraun, dass ich auch ohne Hemd in der Nacht kaum zu erkennen war.
Dann begann ich die Flucht Richtung Griechenland, stets nachts zu Fuß, damit ich nicht entdeckt würde. Ich hatte wahnsinnige Angst, entdeckt zu werden. Einmal verbrachte ich einen Tag in einem stinkenden Abwasserschacht, voller Algen, mit Schlangen und Echsen in den Mauerspalten. Später rechneten wir aus, dass ich mindestens 60 km barfuß bis zum Autoput zurück gelaufen war. Dort fand ich einen LKW, auf dessen Ladefläche ich heimlich bis in Grenznähe kam. Als irgendwann der Fahrer zum Pinkeln anhielt, offenbarte ich mich ihm. Es gelang, ihn zu überreden, mich nach der griechischen Grenze wieder aufzunehmen. Die Grenzpassage erfolgte nachts, wobei ich - immer noch halbnackt und barfuß - über die "grüne Grenze" nach Griechenland kam.
Wir fuhren dann geradewegs aufs deutsche Konsulat nach Thessaloniki. Dort wartete bereits der Freund samt Gepäck. Nachdem die Formalien erledigt waren, setzten wir unsere Tour durch Hellas unverdrossen fort. Ich blieb übrigens weitgehend barfuß, nur für die dornigen Bergwege hatte ich ein paar Sandalen gekauft. Als meine Füße später unempfindlich genug waren, warf ich sie mit einem Heidenspaß einfach weg.
Aus Sicherheitsgründen erfolgte die Rückreise dann mit Ersatzpapieren auf dem Schiff. Meinem Begleiter hatte die Sache übrigens mehr Angst eingejagt als mir. Er hätte am liebsten sofort wieder nach Hause gewollt und blieb für den Rest der Tour ein ziemlicher "Schisser".
Soweit dieser Bericht. Ein ähnliches Abenteuer habe ich 1983 noch in Tunesien erlebt.
Wenn ihr möchtet, kann ich's gelegentlich nachtragen.
Schöne Füße allseits Jörg (2)

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