Jörg(Hanna)s Barfuß -
Standpunkte
(zusammengefasst aus verschiedenen Forumbeiträgen im Winter 1998/99)
Ich bin über die DSS ... und die Homepage von Andreas
... vor drei Tagen auf euer Forum gestoßen und habe mich mit Vergnügen durch einige
Postings geklickt. Dabei ist mir aufgefallen, dass
die Angst,
als "verrückt" zu gelten, relativ groß ist. Das kann ich teilweise
nachvollziehen, denn die meisten von euch laufen wohl genau wie ich aus reinem Spaß am
schönen Gefühl barfuß durch die Welt und nicht aus exhibitionistischer Neigung.
Allerdings ist diese Angst fast immer unbegründet; zumindest hier
in (Ober-) Bayern interessiert kaum keinen Menschen, ob man beschuht oder barfuß
durch die Lande zieht, egal ob in der Stadt oder auf dem Land. Es gibt allerdings einige
Regeln, die man beachten sollte, wenn man nicht übermäßig auffallen möchte. Ich habe
für mich persönlich festgelegt, dass die Grenze zwischen dem Spaß am Barfußlaufen und
dem Respekt vor den ästhetischen Bedürfnissen meiner Mitmenschen, die sich durch den
Anblick nackter Füße gestört fühlen könnten, dort liegt, wo ich auch nicht mehr in
kurzen Hosen rumlaufen würde.
Das ist natürlich sehr subjektiv, denn auch für das Tragen von Shorts gibt es keine
festen Regeln (außer den selbstgemachten), trotzdem funktioniert das ganz gut. In der
Praxis bedeutet das, dass ich z.B. in Restaurants nie barfuß laufen würde
(Fastfood wie
McDonalds zählt natürlich nicht dazu, nirgendwo fällt man barfuß so wenig auf, wie bei
McDonalds!), auch nacktfüßig in feineren Läden
etc. ist für mich tabu.
Ein gewisser Opportunismus gehört natürlich auch dazu. Kontoauszüge und Geld hole ich
in der Bank problemlos barfuß, während ich dort einen Kredit nur beschuht (und in langer
Hose!) beantragen würde. Barfuß zur Eisdiele oder in den Supermarkt ist dagegen
überhaupt kein Problem und bei warmem Wetter für mich der Normalfall. Während man hier
in der Eisdiele überhaupt nicht auffällt und oft auch nicht alleine "unten
ohne" ist, muss man sich im Supermarkt, meistens von älteren Damen, schon mal eher
skeptischen Blicken aussetzen, gesagt hat aber noch nie jemand was.
Das "Schlimmste", was einem passieren kann, ist ein Kind das quer durch den
Supermarkt ruft: "Kuck mal, Mama, der Mann ist barfuß!", woraufhin
üblicherweise der gesamte Laden erst auf das Kind und dann auf mich schaut und
anschließend in gemeinschaftliches Schmunzeln einfällt, das passiert schon mal. Das hat
dann ein bisschen was von "Des Kaisers neuste Kleider". Übrigens kaufen hier im
Hochsommer öfters auch andere (meistens junge Frauen) barfuß ein, das ist natürlich
nicht die Regel, aber auch nicht soooo selten.
Falls es in diesem Land wirklich Einkaufsmärkte geben sollte,
in denen man nicht barfuß laufen darf (ich meine, so was
hier gelesen zu haben), so ist das zwar nicht ganz nachvollziehbar, sollte aber
trotzdem respektiert werden. Erstens bringt es sowieso nichts, mit dem "Gorilla"
an der Tür zu diskutieren, weil der ja nur seine Anweisungen befolgt, zum zweiten hat der
Laden immerhin das Hausrecht, das man dann auch akzeptieren
sollte; es gibt wirklich schlimmere Formen der Diskriminierung. Ob ich persönlich den
Laden dann nur in Schuhen betreten oder komplett boykottieren würde, hinge von der Art
der Abweisung ab, wenn sie freundlich wäre, käme ich mit Schuhen wieder, bei einem
"Rausschmiss" wäre der Laden auch mit Schuhen für mich tabu, der Ton macht
eben die Musik. ...
Noch ein paar Worte zu den Amerikanern: Deren Moral-, Ethik- und
Gesellschaftsvorstellungen sind für einen gesunden (Mittel-) Europäer in der Tat oft nur
schwer nachzuvollziehen. Ich war im Herbst 1998 mit meiner Freundin drei Wochen im
Südwesten unterwegs und bin kaum barfüßig gewesen, weil ich weder in großen Städten
noch auf unbekanntem natürlichen Terrain (auf gut deutsch: in den Nationalparks) barfuß
laufe, das gilt allerdings nicht nur für die USA.
Hätte ich dieses Forum und vor allem die DSS mit ihren Problemen da schon gekannt, wäre
ich allerdings schon aus Provokationslust barfuß in den ein oder anderen Supermarkt
gelaufen, so mich meine Freundin gelassen hätte ;-)
Meine Barfüßigkeit haben sich so auf das Autofahren und den ein oder anderen kurzen
Photostopp an der Strecke beschränkt. An den Tankstellen habe ich bei Sichtung der
"No shirt, no shoes, no service"-Schilder mit der Kreditkarte am Automaten
bezahlt, statt mir umständlich für eine halbe Minute die Schuhe anzuziehen. Im übrigen
wird auch in den USA nicht alles so heiß gegessen wie's gekocht wird. Wenn ich denn
wirklich mal zwanzig Meter barfuß unterwegs war, habe ich genauso wenig Aufsehen erregt,
wie in Deutschland, und auch die Highway- Patrol, die im erzkonservativen Arizona direkt
neben uns ihr Auto betankt hat (übrigens an so einer "No shirt, no shoes, no
service"-Tankstelle), hat meine nackten Füße zwar zur Kenntnis genommen, aber weder
schief geguckt, noch etwas gesagt, noch mich vom barfüßigen Autofahren abbringen wollen.
Ich bin auch der festen Überzeugung, dass in Amerika vor allem ästhetische Gründe zur
Ablehnung der öffentlichen Barfüßigkeit führt, außerdem werden nackte Füße wohl oft
als Respektlosigkeit empfunden, "der Amerikaner" hat eben oft ein gestörtes
Verhältnis zu seinem Körper. Alle anderen Gründe (Hygiene etc.) sind bloß vorgeschoben
und letztendlich auch nicht haltbar.
An der Poolbar unseres Luxus-Hotels in Las Vegas haben wir ohne Probleme unser Drinks
barfüßig bekommen, weil im Poolbereich natürlich fast alle barfuß unterwegs waren -
sollte hier auf einmal die Hygiene/Gesundheit keine Rolle spielen?
Über Geschmack hingegen lässt sich natürlich streiten. Während in Amiland nackte
Füße als Geschmacklosigkeit gelten, empfand ich die in den USA dank Fastfood üblichen
4-Zentner-Monster, die sich in viel zu engen kurzen Hosen auch abends durch die Casinos
und feinen Restaurants wabbelten, als grobe Geschmacksbeleidigung. Die hätten wenigstens
lange Hosen tragen können, in Südeuropa wären die so wiederum in kein Restaurant
gekommen!
Da ist doch eine (normalgewichtige) barfüßige Frau im hübschen Cocktail-Kleid passender
angezogen, oder? Aber so ist das nun mal: Andere Länder, andere Sitten. ...
Die "Anfänger" unter euch, die Angst vor
peinlichen Blicken haben, sollten das Barfußlaufen in der Öffentlichkeit vielleicht
einfach mal unter einem anderen Gesichtspunkt sehen. Saugt diese Blicke ruhig mal
bewusst auf und ihr könnt ein Gefühl dafür bekommen, wie es denen geht, die in dieser
Gesellschaft permanent "anders" aussehen, also Behinderte, Farbige oder auch nur
Punker mit Irokesenschnitt. Unter diesem Aspekt mutiert Barfußlaufen schon fast zu einer
toleranzbildenden Aktion.
Eine kleine Anekdote für die Extrembarfüßer unter euch, die auch im Winter draußen barfuß rumlaufen (ich meine nicht die 5
Minuten im Garten durch Neuschnee um den Kreislauf anzukurbeln) und sicher auch bei mir
auf Kopfschütteln gestoßen wären (Sorry for that). Um Mitreden zu können, habe ich mir
gestern nacht auf dem Weg von der S-Bahn nach Hause den "Luxus" gegönnt, bei
knapp über 0 °C fünf Minuten barfuß durch den Schneematsch zu laufen. Und musste
feststellen, dass das wenig prickelnd war. Wobei weniger die Kälte das Problem war, als
mehr der fiese spitze Split, der in den Tagen zuvor gestreut wurde. Anschließend hatte
ich zwar richtig heiße Füße, barfuß durch den Winter wird aber trotzdem auch in
Zukunft nicht mein Ding sein. ...
Vom Bergwandern mal abgesehen bin ich kein Wanderer
oder Spaziergänger, sondern verbringe eine Großzeit meiner sommerlichen Freizeit auf dem
Rennrad. Daher laufe ich fast nur auf Asphalt - egal ob barfuß
oder in Schuhen. Mir wär's auch lieber, wenn die Bürgersteige im Sommer aus Sand oder
Gras wären, sind sie aber leider nicht.
Denn auch wenn ich barfuß laufe, ist bei mir nicht der Weg das Ziel wie vielleicht für
viele hier im Forum. Wenn nichts anliegt, laufe ich auch nicht durch die Gegend, weder
barfuß noch mit Schuhen. Aber wenn ich zum Briefkasten, Geldautomaten oder Supermarkt
gehen muss, dann tue ich das eben barfuß sofern die Temperaturen das zulassen.
Eine Ausnahme gibt es allerdings: Ich laufe wahnsinnig gerne durch (warmen!) Sommerregen,
dafür lasse ich dann alles liegen und stehen. Natürlich barfuß. Dieser kindliche Spaß
ist vermutlich auf meinen starken Heuschnupfen zurückzuführen, Regen bedeutet da immer
große Linderung. Auch barfuß mit Schirm durch den Regen macht Spaß, auch da ist dann
der Weg das Ziel. Allerdings nehmen dann die Leute richtig Notiz von den nackten Füßen
und halten einen für verrückt...
Übrigens wäre es mal interessant, die verschiedenen Barfüßercharaktere hier im Forum
zu Gruppen zusammenzufassen. Der Mensch neigt ja doch zum Schubladendenken (ich
jedenfalls).
Ich bin der
"warmwetter- gelegenheits- was- andere- Leute- denken- ist- mir- egal- Barfüßer" ...
Wegen meiner Füße habe ich zwar noch keine Komplimente bekommen, aber immerhin schon
wegen meiner Beine und das sogar von jüngeren Frauen. Im übrigen betrachte ich die
Füße (unter ästhetischen Gesichtspunkten) sowieso als Teil der Beine, soll heißen,
Füße allein finde ich weder besonders schön noch besonders hässlich. Ich halt's da
eher mit Lorenz: Der ganze Mensch ist reizvoll (jedenfalls
meistens...) ...
Mondanschauung. Nachdem das barfüßige Beobachten
der Sonnenfinsternis im August 99 ja noch nichts besonderes war (es war ja
zumindest halbwegs warm), habe ich gestern auch die Mondfinsternis bei
Minustemperaturen barfuß beobachtet.
Das ist mir allerdings als Schönwetterdraußenbarfüßer auch nur gelungen,
weil ich 1. von der Terrasse aus fotografiert habe und jederzeit ins Warme flüchten
konnte,
2. immer nur solange draußen war, wie ich es ohne Jacke im Pulver ausgehalten
habe (5 - 10 Minuten) und
3. barfuß nicht direkt auf den Fließen, sondern auf einer Fußmatte stand. Es
ist enorm, was das ausmacht!
Genauso fühlte sich der tiefgefrorene, verharschte Schnee im Garten wesentlich
angenehmer an, als tags zuvor der gleiche Schnee 3 Grad "wärmer" im
pappnassen Zustand. Der Einfluss der Wärmeableitung durch den Untergrund macht
wahnsinnig viel aus, das kann man gar nicht nachempfinden, wenn man es nicht
selber ausprobiert hat.
Einige Nachbarn haben sich übrigens auch dazu gesellt, meine nackten Füße hat
aber keiner registriert (zumindest hat niemand was gesagt), obwohl ich einigen
sogar mein Fernglas ausgeliehen habe (soll heißen, sie standen direkt neben
mir). War vielleicht doch zu dunkel ;-) [10. 01.
2001]
Serfuß,
Jörg(Hanna)
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