Georg, der Straßenbahner, ist auf dem Weg zum Selbst - Barfüßer
(Forumbeiträge seit Sommer 2001)

Nachdem ich heute Nacht meinen ersten Beitrag geleistet hatte, konnte ich vor Aufregung kaum schlafen, so glücklich war ich, mich endlich in einem mir geeignet scheinenden Forum als Fußerotiker geoutet zu haben und ganz offensichtlich nicht der einzige zu sein.
Ich schaute vor Aufregung in meinem Kalender in der falschen Woche nach und kam prompt – das erste Mal, seit ich Straßenbahnfahrer bin (seit neun Monaten) zu spät zum Dienst. Es gab aber keinen Anschiss. Den ganzen Tag führte ich müde, aber gelöst meinen Trambahnwagen quer durch meine neue Heimatstadt, in der ich ebenfalls seit neun Monaten lebe. Erstmals seit Wochen saß ich nicht verkrampft im Fahrersitz, sondern konnte richtig atmen und sang vor mich hin, flirtete sogar mit weiblichen Fahrgästen. Ein paar barfüßige Frauen sah ich. Ein Mädchen stieg sogar ganz hinten in meinen Wagen. Aber das ist das Schicksal des Trambahners: Ein kurzer Blick und dann ist der Gegenstand der Sehnsucht auch schon auf Nimmerwiedersehen verschwunden.
Da kam mir der Gedanke: Warum nicht Du selber? Ich wollte es ja schon immer tun. In meiner alten Heimat und bei meinem alten Beruf wäre es bestimmt nicht gegangen. Dort kannte mich Gott und die Welt und ich war auf einem Posten, wo "man" unmöglich barfuß gehen kann, auch nicht in der Freizeit. Das Getuschel, ich wäre dort und dort barfuß gesehen worden, hätte mir gründlich die Freude daran verleidet. Schlimm genug, als ich einmal mit meinem Akkordeon als Straßenmusiker gesichtet worden war.
Aber hier, wo mich außer etlichen Kollegen und drei Verwandten niemand kennt? Jetzt geht’s! Vorfreude durchflutete mich wie plötzlich eintretendes Sonnenlicht, dazu sang ich leise Peter Alexanders Lied "Feierabend". Kaum zu Hause und auf T-Shirt und kurze Hose umgekleidet, schritt ich zur Tat.
Aber ach: Was tun, wenn ich einem Nachbarn begegne? Vorsichtshalber nahm ich den Eimer mit dem Inhalt des Katzenklos meiner Katze Siri mit in den Hof. Barfuß zu den Mistkübeln (österreichisch und teilweise Bairisch für Mülleimer), das geht ja noch. Natürlich war ich nicht völlig gelöst, sondern meinte, mich rechtfertigen zu müssen. Das ist aber wahrscheinlich bei jedem Barfuß - Anfänger so.
Erstmals spürte ich die von der Abendsonne erwärmten Betonplatten im Hof – ein schönes Gefühl. Dann schwang ich mich aufs Rad. Am Jugendstiltheater vorbei, am Nobel-Feinkostladen, dann: die Strecke der Linie 18! Was, wenn mich ein Kollege sieht? Aber Entwarnung: Keine Tram weit und breit. Überhaupt scheint mich kein Mensch zu beachten. Andere schauen halt einen barfüßigen Radfahrer nicht so an wie ich eine barfüßige Radfahrerin. Vorbei an der Villa mit der vorübergehend demontierten Amazone, an der goldenen Flügelfigur auf der Säule. Dann eine magische Stelle: Der Fluss wird überschritten! Kurzer Seitenblick auf das graugrüne Wasser, rechts geht’s stromabwärts.
Dann: Linie 17! Aber die Gleise liegen gerade alleine in der Abendsonne. Keiner beachtet mich, Gott sei Dank! Dann am Kunstbau aus der Nazi-Zeit vorbei in den weitläufigen Park, den ein gewisser Sckell geplant hat. Ein Mädchen in der Wiese, die nackten Füße im Bach baumelnd. Die Sandalen daneben im Gras. Ich bin, scheint’s, der einzige "echte" Barfüßer.
Dann hinüber in das Viertel, wo vor ca. 90 Jahren Kandinsky &Co lebten. An der breiten Vergnügungsmeile wird das Rad abgestellt. Zwei Typen lehnen an einem Geländer süffisant- gelangweilt. Leichte Paranoia meinerseits: Beobachten sie mich? Wird nachher noch Luft in meinen Reifen sein? Dann zu Fuß mitten durch die Gastgärten. Also ein bisschen mulmig ist mir schon. Vorsichtshalber mache ich Brust raus, Bauch rein. So eine Körperhaltung muss eine Schwarzeneggersche Kampfmaschine haben. Die Arme nicht locker baumelnd, die Hände in den Hosentaschen.
Anfangs normal, beruhige ich mich selbst. Nach einiger Zeit geht’s auch besser. Der Boden fühlt sich super an, als wäre ich schon immer barfuß gegangen. Vorbei an dem großen Verkehrsknotenpunkt, welcher früher einmal Feilitzschplatz geheißen hat. Jetzt kommt bezeichnenderweise das Wort "Freiheit" im Namen vor. Dann: der erste barfüßige Geschäftskontakt: Ich kaufe mir ein Eis von zwei Kugeln, Erdbeer und Stracciatella. Meine Stimme klingt wie immer, trotz baren Füßen. Eine Mutter mit zahlreichen Kindern steht auch um ein Eis an. Ich erwarte, dass die Kinder etwas blödes wie "Schau, der Mann ist barfuß?" sagen werden. Wie unrecht ich ihnen in Gedanken tue: Nichts sagen sie! Die Mutter lächelt mich an, vielleicht Ende dreißig. Ich lächle zurück. Ob sie überhaupt auf meine Füße geschaut hat? Weiter drüben Polizisten und U-Bahn-Wachleute. Werden die mich jetzt kontrollieren, ich bin doch verdächtig?
Nichts dergleichen. Direkt an ihnen vorbei gehe ich aber doch lieber nicht, sondern an einen Betonstein, hinter dem Wasserkaskaden fließen. Dort schlecke ich genüsslich mein Eis. Ich betrachte meine Sohlen: Dunkelbraunschwarz, so wie es mir bei Frauen so gefällt. Bei mir selber gefällt es mir auf andere Weise. Es erfüllt mich mit Stolz. Ja, die Freiheit! Jetzt wo ich in einer (noch) fremden Stadt in einem sozial nicht hochangesehenen Beruf stehe, habe ich die größte Freiheit. Mein oberster Chef und die diversen Unterchefs könnten sich das nicht erlauben!
Zwei junge Frauen gehen vorbei, eine barfuß, die Sandalen in der Hand. Sie blickt, scheint’s mir, flüchtig herüber. Dann verschwinden sie im U-Bahn-Labyrinth.
Wieder zurück durch den belebten Boulevard, wieder ein bisschen mulmig. Ich versuche, selbstbewusst durch die Massen zu schreiten, nicht rechts, nicht links schauend. Umweg durch eine kleine Seitengasse. Ein Hübsches Mädchen mit Handy kommt mir entgegen. Unverbindlich-freundliches kurzes Blickkreuzen. Barfuß wäre sie noch schöner. Dann wieder auf den Boulevard. Hoffentlich kein Kollege beim Bier mit seinen Spezeln, der mich sehen könnte. Wieder Schwarzenegger-Haltung. Aber hier verirrt sich selten ein Trambahner her. Die wissen, wo’s im Gegensatz zu hier gemütlich ist. Vorsichtig fange ich an, wieder nach rechts und links zu schauen. Außer mir weit und breit kein(e) Barfüßige(r) zu sehen.
Wieder aufs Rad, die Luft ist noch drin. Auf dem Weg zum Park der einzige Kommentar: Zwei ca. achtzehnjährige Jungtürken mit ebenso alter Blondine. Das Mädchen: "Schau, der fährt barfuß Rad!" Es fällt halt doch auf. Durch den Park, im Bach Fußsohlen gewaschen.
Dann wieder heimwärts. Keine Trambahnen gekreuzt, niemanden getroffen. Die Nachbarin schaut auch nicht aus dem Fenster. Niemand außer mir nähert sich der Haustüre. Innen alle dunkel. Rad im Hof abgestellt, Katzenklo-Kübel an mich genommen. Im Stiegenhaus fühlt sich's barfuß so an, als wäre ich schon daheim, überhaupt nicht fremd. Schlüssel ins Schloss, schon begrüßt mich das Kätzlein. In der Badewanne Füßewaschen. Duften jetzt. Siri wälzt sich vor mir und poliert mit ihrem seidigen Fell die Füße. Dann schnurstracks zum Computer.
So weit war ich von meinen Schuhen wohl noch nie entfernt gewesen – mindestens vier Kilometer von der Behausung. Stolz. Vom Barfuß-Voyeur also zum Selbst-Barfüßer. Das werde ich allerdings bestimmt nicht immer tun. Aber vielleicht immer öfter, bis es mir selber nicht mehr auffällt. Mit einer gleichgesinnten Frau wär's allerdings viel, viel schöner.
So, diesen Erfahrungsbericht habe ich verfasst, bevor ich nun die Website aufschlage. Wer weiß, ob ich von Leuten Beton bekomme, der Webmaster mich vielleicht zensuriert hat? Wenn dem so wäre, hätte ich bestimmt keine Lust mehr gehabt, meine Erfahrung aufzuschreiben. Aufgeregte Gedanken schießen in meinem Kopf herum, Spannung baut sich auf. Außer Euch erzähl‘ ich aber einstweilen noch niemandem von meiner Erfahrung. Kommentare zu meiner Premiere erbeten
Georg, der Straßenbahner
PS: Nun habe ich die Website aufgeschlagen. Alle Ängste von wegen Zensur waren bloße Gespinste.

Mein erster Gedanke ? Mann, macht sich da einer Gedanken !
aber das ganze kommt mir so bekannt vor ... ich glaube das hat jeder von uns durchgemacht, einigen fällt es jetzt leichter in der Öffentlichkeit barfuß zu laufen.
Ich kann mich langsam auch dazu zählen. Letzte Woche hab ich einen Kollegen abends in der Stadt angetroffen, es war während einem gratis Konzert. Ich weiß nicht ob er bemerkt hat, dass ich keine Schuhe an hatte, er hat jedenfalls keine Bemerkung gemacht. Das zeigt mir, dass man sich oft viel zu viel Gedanken macht "was denkt der jetzt von mir ..." .
Ich habe auch heute wieder ein paar Leute bemerkt die auf meine Füße geschaut haben, wenn man aber ganz unverkrampft läuft, ist da ein blick, und weiter nichts ! Man ist ja kein Straftäter !!!
Wenn man mal die erste angst überwunden hat, ist es wunderschön. Ich liebe besonders die granitplatten, die haben irgendwie etwas "weiches" an sich, das könnte man mit Schuhen gar nicht ertasten !
Georg, jetzt hast Du gesehen (ertastet) dass es gar nicht unmöglich ist, barfuß in der Stadt zu laufen ... viel Spaß beim nächsten versuch !
ciao Maurizio

Na also, ist doch gar nicht so schwer! Und in der Stadt, in der Du lebst, geht man mit nackten Füssen sowieso sehr gelassen um, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, ich wohne nämlich nur wenige Kilometer weg. Vielleicht steige ich ja mal in Deine Trambahn, allerdings bewege ich mich mehr mit S- und U-Bahn und laufe in Großstädten eher weniger barfuß.
Gestern war ich übrigens das erste Mal barfuß beim Zahnarzt - und wurde nicht einmal auf meine nackten Füße angesprochen!
Eigentlich ist das ja genau der wünschenswerte Zustand, aber ein bisschen wenig für eine Forums-Story. Das gleiche beim heutigen Friseurbesuch (da hatte ich allerdings letztes Jahr schon Barfußpremiere). Aber wir haben ja auch endlich Sommer!
Serfuß und viel Spaß bei Deinen weiteren Barfußaktivitäten (halt uns auf dem laufenden),
Jörg (Hanna)

Nach meiner Barfuß-Pemiere vor sechs Tagen heute erstmals barfuß einkaufen. Ein prickelndes Wagnis: Wer weiß, wem ich dabei alles begegne, vor dem ich dann meine nackten Füße nicht mehr verheimlichen kann? Ohne Rückzug!
Als erstes treffe ich beim Pflanzengießen im Hof das Apothekermädchen. Freundlicher Gruß beiderseits, sonst nichts. Dann auf die Straße. Vor meinem Haus vierspurige Straße, in der Mitte Straßenbahngleiskörper. Zufällig kommt gerade nichts, nur links noch weit entfernt zwei Autos. Weiten Schritts überquere ich die Fahrbahnhälfte. Als die zwei Autos hinter mir sind, hupen beide – obwohl ich keinen behindere. Grübel: Was könnte das bedeuten? Entweder meinen sie meine baren Füße oder es waren am Ende gar Kollegen. Unser Trambahnbetriebshof ist ja nicht einmal 200 Meter entfernt.
Ich deute also das Hupen als Gruß und beginne mich damit abzufinden, dass mich die ersten schon "so" gesehen haben.
Gleich gegenüber ist der Supermarkt. Herrlich kühle, glatte Steinplatten. Nehme die Waren aus dem Regal wie immer. Nicht ganz wie immer, denn ich blicke etwas verhaltener um mich als sonst. Vorsichtshalber die Waren statt die Menschen anschauen, wer weiß, welche Blicke zurückkommen? Ganz sicher bin ich mir meiner Sache naturgemäß noch nicht.
Bei der Tiefkühltruhe ist der Boden herrlich kalt, eine Erkenntnis, die einem Schuhträger verwehrt bleibt. An der Kasse: In einem Spiegel kreuzen sich kurz meine Blicke mit denen der hinter mir anstehenden Frau. Doch überraschend schnell schaut sie weg, wie eine ertappte Diebin. Wobei ertappt? Beschließe, dass es ihre Gedanken zu meinen Füßen waren. Oder vielleicht auch nicht?
Gemächlich zurück über die Straße und ins Haus.
Oh Schreck! Im Flur begegnet mit der Vermieter, Herr Zeilnhofer! Schon vor meiner ersten Barfuß-Tour hatte ich es mir als worst case, als GAU ausgemalt, gerade ihn zu treffen! Dieser gemütliche, aber auch konservative und pedantische alte Münchner wird sicher wenig Verständnis für barfüßige Mieter haben! Aus seinem Vermieterherzen ausstoßen wird er mich Revoluzzer!
Doch wie war es wirklich? Herr Zeilnhofer wünscht mir einen schönen Abend, redet übers Wetter - "Mei, die Hitz" - und empfiehlt sich wieder. Ich glaube, er hat gar nichts bemerkt. Meiner Katze Siri scheinen die Fremdgerüche an meinen Füßen zu gefallen.
So, jetzt bin ich wieder um eine barfuß-Erfahrung reicher. Irgendwie bin ich fast enttäuscht, dass mich "draußen" niemand angeredet hat, wo ich doch über meinen eigenen Schatten gesprungen bin und eine ganz schöne Portion Exhibitionismus an den Tag gelegt habe. Aber hätte jemand was gesagt: Bittschön nur Gutes!
Denn für Garstiges oder Beleidigendes über meine Barfüße fühle ich mich innerlich noch lange nicht genug gefestigt. Wem ging’s am Anfang ähnlich?
Grüß Euch
Georg, der Straßenbahner

Ja, ich habe mir auch lange Gedanken darüber gemacht, was wohl passiert, wenn mich Bekannte barfuß "erwischen". Zufällig kenne ich aber wieder andere Leute, die schon vor mir den Schritt in die Öffentlichkeit (!) gewagt hatten ... dann habe ich es irgendwann auch versucht, und wirklich negative Kommentare sind ausgeblieben.
Was wäre also so schlimm, wenn dich ein Kollege barfuß sieht? Es ist schließlich deine Freizeit!
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Nachdem ich heute geknickt war, weil eine Frau, in die ich verliebt bin (eine Schuhträgerin sogar) mir nicht die versprochene E-Mail gesendet hatte, dachte ich mir: Eine Runde barfuß wär' jetzt der beste Trost.
So ging ich also frohen Mutes in der Abendsonne dieses wunderschönen Sommertages in den von mir nur etwa fünf Gehminuten entfernten Toom-Baumarkt. Vorher traf ich im Hof beim Müll ausleeren zwei Nachbarn, doch ich war locker. Von einer jungen Frau aus meinem Haus erntete ich sogar ein Lächeln.
Im Baumarkt war's wunderbar, nur der Boden war nicht so wunderschön kühl wie der gestern im Supermarkt. Und als ich grübelte, welche Verteilerdose ich für mein Antennenkabel benötige, vergaß ich doch glatt für ein paar Sekunden, dass ich barfuß war.
Und anstatt mit meiner Angebeteten bei fünf Maß und hundert Zigaretten in einem Biergarten zu sitzen, bring' ich nun die heutige Erfahrung gleich zu "Papier" (Zu Tastatur, zu Bildschirm, zu Server, zu Web, wie auch immer) ...
Gestern war ich wieder einmal barfuß im Supermarkt und fühlte mich schon viel sicherer als beim ersten mal.
Heute nach Feierabend verspürte ich angesichts des idealen Wetters den Drang, meinen Barfuß-Horizont zu erweitern. Schon meine Vorfreude darauf vertrieb meine körperliche Erschöpfung nach der Arbeit nahezu vollkommen.
Zunächst wollte ich mit der S-Bahn in die City fahren um dann zu Fuß wieder zurückzuwandern. In irgendeinem älteren Posting hat ein Mädchen das Gefühl, wenn ich mich richtig erinnere, so beschrieben: "Der Zug fährt ein, die Türen schließen sich hinter dir und du weißt, jetzt gibt es kein Zurück mehr. Ab hier bist du unwiderruflich barfuß" (oder so ähnlich).
Na, diese Erfahrung wollte auch ich nicht missen. Es kam noch der Gedanke an den Geruch der Holzschwellen nach frischem Teer hinzu, der bei mir schon als Kind das Fernweh geweckt hat. Der Geruch des Abenteuers also. Dann entschied ich mich jedoch umgekehrt und spazierte von Steinhausen zunächst durch Haidhausen.
An der Ecke Wörthstraße/Preysingstraße nahte ein Zug der Linie 15. Damit mich mein Kollege nicht sehe, verbarg ich mich vorsichtshalber hinter einer Litfasssäule. Was die Kollegen anbelangt, habe ich nämlich noch große Scheu, mich zu "outen". Einer erzählt’s dem anderen, im Stationshaus brodelt sowieso die Gerüchteküche und ich stelle mir beispielsweise meinen Landsmann und Kollegen Peter Geyer vor wie er zu mir sagt: "Ja Schorschi, i hab g’hört, du gehst in der Stadt barfuß, du g’hörst ja nach Haar!" (Haar ist in München das was in Wien Steinhof ist, eh klar?). Oder noch viel schlimmer, es spricht mich keiner darauf an und sie reden bloß hinter meinem Rücken.
Aber vielleicht sind das nur Hirngespinste. Wahrscheinlich sogar, denn selbst als ich meinen qualifizierteren alten Beruf aufgab um meinen Kindheitstraum Straßenbahnfahrer zu erfüllen (ein Entschluss, den ich bis heute nicht bereut habe) hat mich entgegen meinen Befürchtungen letztendlich niemand für verrückt erklärt. Aber soweit, dass ich mich jedem gegenüber barfuß zeige, bin ich halt noch nicht.
Also, ich wandere durch Haidhausen. Als ich auf meinen linke Sohle blicke, oh Schreck: Blut? Meine letzte Tetanusimpfung war vor 16 Jahren! Doch das Rote auf der Sohle ist bloß irgendein Obstrest. Ich komme zum Gasteig. Schon seit ein paar hundert Metern verspüre ich einen bestimmten Drang. Ich suche die Toilette im Erdgeschoss des Kulturzentrums auf. Sehr zu empfehlen, sehr sauber. Als ich wieder hinausgehe, meine ich einen argwöhnischen Blick der Pförtnerin zu ernten. Sie sagt aber nichts. Draußen steht ein Security-Mann. Er spricht ins Funkgerät: "Drei an Fünf!" Jetzt kommt wahrscheinlich die Meldung "an mir geht gerade ein verdächtiger barfüßiger Mann vorbei!", denke ich. Aber falsch gedacht: Nichts dergleichen kommt. Ein entbehrlicher Anfall von Paranoia meinerseits.
Weiter durch die Au von der Hochstraße über die Grünanlage am Isarhochufer zur Lilienstraße. In der Grünanlage sehr rauer Asphalt. Aber körperlich habe ich überhaupt keine Schwierigkeiten. Ich könnte noch 20 Kilometer laufen.
Durch den Hof des Deutschen Museums hindurch, dann über die Isar. Fußgängerampel. Im Lichtkegel der Scheinwerfer der wartenden Autos erstrahlen meine nackten Beine und Füße. Da komme ich mir schon sehr ausgesetzt vor.
An der Kreuzung Rumfordstraße/ Klenzestraße spüre ich klebriges Zeug. Anscheinend sondern die Bäume dort irgendein Sekret ab. Dann hinten am Isartor vorbei ins Tal. Ab hier Menschenmassen. Anfangs habe ich noch die abwehrende "Brust raus, Bauch rein"- Haltung, als ob ich mich rechtfertigen müsste. Doch je weiter ich gehe, desto lockerer werde ich. Langsam fangen meine Arme wieder zu pendeln an. Nach kurzer Zeit ist der Marienplatz erreicht. Wieder ein Drang. Hinter einem Busch verschwinden kann ich nicht, also muss ich aufs öffentliche WC in der U-Bahn-Passage. Zum ersten und letzten Mal. Dringend abzuraten. Mit meiner ersten barfüßigen Rolltreppenfahrt wieder nach oben. Die Rolltreppe fühlt sich ein bisschen anders an, als ich erwartet habe.
 Gerade (es dürfte 21.00 Uhr sein) ertönt das Glockenspiel. Es klingt wie üblich so falsch, dass mir der Satz: "Da zieht's dir die Schuhe aus" einfällt. Gerade das geht aber bei mir heute gar nicht.
Weiter über die Neuhauser und Kaufingerstraße. Trotz der noch angenehm warmen Steinplatten bin ich weit und breit der einzige Barfüßige. Evi dürfte doch recht haben, was München betrifft. Der erste Kommentar, den ich heute zu hören bekomme, ist der eines etwa dreizehnjährigen Knaben zu seinen Eltern: "Schau, der läuft barfuß!". Aber allmählich fange ich an, jeweils für ein paar Augenblicke selber zu vergessen, dass ich barfuß bin. Ein gutes Zeichen, denn anscheinend gewöhne ich mich daran. In diesen Augenblicken verschwinden auch die Gedanken daran, was wohl die Leute denken, wenn sie mich sehen. Nach kurzer Zeit ist der Stachus erreicht.
Wieder zurück Richtung Marienplatz. Da, auf Höhe des C&A ein barfüßiges Mädchen! Etwa 20 Jahre alt, blond, sehr gepflegt aussehend. Das Hinterteil für meinen Geschmack ein bisschen zu ausladend, aber im wesentlichen o. k. Entsprechend meiner Gewohnheit drehe ich mich um und gehe ihr nach. Die Gute rennt ordentlich schnell im Vergleich zu meinem gemächlichen Spazierschritt. Komischerweise ist aber vermutlich dadurch, das ich selber barfuß bin, der übliche starke erotische Reiz nicht gegeben. Lorenz hat vermutlich recht, dass meine Vorliebe eine Projektion meines bis vor ein paar Wochen noch unterdrückten Wunsches, selbst barfuß zu laufen, ist. Unter dem Karlstor bleibt das Mädchen kurz stehen, da ein Typ es um Geld anschnorrt. Bereitwillig zückt sie ihre Börse. Dann umrundet sie den Brunnen am Stachus, während ich durch den Brunnen hindurchlatsche. Am Rand kommt mir das Wasser so schlammig vor, dass ich meine, meine Füße müssten jetzt noch schmutziger sein als zuvor. Dann verschwindet das Mädchen rechts abbiegend Richtung Lenbachplatz. Halbherzig gehe ich noch ein Stück in die gleiche Richtung, dann reißt die Sichtverbindung ab.
Tja, vielleicht ist dieses Mädchen ja zufälligerweise eine Teilnehmerin dieses Forums. Dann kannst Du Dir denken: "So, Georg der Straßenbahner hat mich verfolgt, findet mein Hinterteil etwas zu ausladend aber ansonsten o. k." Bitte verzeih mir.
Auf dem Weg Richtung Lenbachplatz, o Schreck: Im Augenwinkel sehe ich ein blaues Hemd und eine graue Hose. Und tatsächlich: Keine drei Meter rechts von mir steht einer meiner Kollegen und ist in die Schaufenster vertieft. Gerade von diesem Kollegen hätte ich zwar vermutlich nichts zu befürchten: Er ist bekennender Schwuler und trägt am Christopher-Street-Day das Regenbogenabzeichen zur Trambahneruniform. Dieser recht urige Typ ist sicher auch tolerant gegenüber anderen Minderheiten wie Barfüßern. Trotzdem ziehe ich es vor, vorüber zu gehen ohne ihn zu grüßen. Er dürfte mich nicht bemerkt haben.
Zum zweiten mal zurück zum Marienplatz. So, jetzt habe ich mir eine Zigarette verdient, welche ich an der Mauer eines der U-Bahn-Abgänge lehnend rauche. Da der zweite und letzte Kommentar des Tages: Drei Jugendliche, ein Bursch und zwei Mädchen, gehen hinter mir vorbei, ein Mädchen bückt sich, deutet aus dieser Position annähernd waagrecht auf meine Füße und gibt einen belustigt prustenden Laut von sich. Dann verschwinden die drei in der Passage. Ich trag’s mit Gelassenheit.
Dann hinunter zur S-Bahn, die S5 steht schon da, schnell hinein, bevor es "Ebersberg zurückbleiben" heißt. Keine Zeit, den Teergeruch zu atmen. Drinnen ist es ziemlich voll, sodass keiner nach unten blickt und ich nicht weiter auffalle. Nur ein sehr hübsches blondes Mädchen auf einem Sitzplatz lugt neugierig-freundlich herüber. Insgeheim wünsche ich mir, dass ihr meine Füße gefallen. Beim Isartor steigt ein ganzer Pulk von Leuten aus, auch das Mädchen. Ich presse mich an die Zwischenwand bei der Türe, damit mir niemand auf die Füße steigt. Dann setze ich mich, diagonal gegenüber einer jungen Frau, die zumindest scheinbar in ein Buch vertieft ist. So ganz wohl fühle ich mich barfuß in nächster Nähe zu einem anderen Menschen an einem öffentlichen Ort noch nicht. Mein Atem stockt, das Zwerchfell hebt sich nur sporadisch. Verlegen blicke ich nach oben und lese "Sie fahren heute mit Wagen 0083". So wird mir ewig in Erinnerung bleiben in welchem Wagen ich zu ersten mal in meinem Leben barfuß war. Dann die Haltestelle Leuchtenbergring, über die kühlen Klinkerplatten der hässlichen Leuchtenbergunterführung heimwärts, wo mich meine Katze Siri freudig begrüßt.
Und nachdem ich die Isar zu Fuß überquert, mit der S-Bahn jedoch unterquert habe, habe ich heute barfuß einen ganzen Fluss umrundet.
Grüße an die Füße
Georg, der Straßenbahner

Hi Georg (der Straßenbahner),
dank Dir für den ausführlichen Bericht. Liest sich wirklich sehr ansprechend und ich kann viele Empfindungen nachvollziehen hinsichtlich "was spricht der jetzt ins Funkgerät", etc.
Grüße nach München
Kai (der während des Studiums mal 6 Jahre lang den Münchner Untergrund als teilzeitbeschäftigter U-Bahn-Fahrer unsicher gemacht hat - allerdings mit strenger Schuhpflicht)

Hallo Kai,
es ist schön, dass es im Forum sogar Kollegen gibt. Wie klein die Welt doch ist!
Die Schuhpflicht gibt's natürlich auch bei der Trambahn. Damit habe ich aber kein Problem. Denn die Möglichkeiten, in der Freizeit die Schuhe auszuziehen oder gar nicht erst anzuziehen sind ohnedies unerschöpflich - und davon nutze ich erst einen Bruchteil.
Für mich wär das Leben im Tunnel nix. Allerdings riecht's dort immer schön nach Teer. Wahrscheinlich dachte Konstantin Wecker daran, als er die Textpassage "...und die U-Bahn-Schächte atmen schwer" dichtete.
Barfüßige Grüße, wegen des "greislerten" Wetters heute allerdings nur aus der Wohnung
Georg (der Straßenbahner)

Heute nützte ich das schöne Wetter (wer weiß, wie lange noch?) für einen ausgedehnten Barfußspaziergang und war schon wesentlich lockerer als die vorigen Male. Ich ging schon wie selbstverständlich dahin und vermutlich deshalb guckte niemand (oder fiel es mir zumindest nicht auf) und ich hörte auch keinen einzigen Kommentar.
Gleich am Anfang des Spaziergangs kamen mir in der Kirchenstraße in Haidhausen auf der anderen Straßenseite zwei barfüßige Mädchen entgegen. Früher hätte ich mich wie vom Blitz getroffen gefühlt; wenn ich eine barfüßige Frau sah, kam es mir vor als ob zwischen meinem Bauch und meinem Unterleib eine Spule unter Hochspannung gesetzt und ein riesiger Eisenkern hindurchgerissen werden würde (ich hoffe, der Vergleich ist auch für Nicht-Elektrotechniker bildhaft genug). Durch meine eigene Barfüßigkeit war dem Anblick der barfüßigen Mädchen jedoch das Sensationelle genommen. Ich weiß nun nicht, ob ich darüber traurig sein soll oder mich freuen soll, denn ohne Zweifel ist mir dadurch eine Lustquelle abhanden gekommen. Anderseits hilft mir der Umstand auch, mich von einer Fixierung zu lösen und vielleicht für andere Reize offener zu sein.
Gewohnheitsmäßig ging ich den Mädchen nach, jedoch ähnlich wie schon bei meinem letzten diesbezüglichen Erlebnis ohne besondere Gefühle. Sie verschwanden dann in einem Hauseingang und das war’s.
Dann ging ich auf die Praterinsel, wo gestern und heute das Fest „Isarlust“ stattfand. Ich ging in den Hof der ehemaligen Schnapsfabrik und, oh Schreck, wen sah ich? Einen Freund meines Vaters, der dort mit einem Bekannten (den ich noch nicht kannte) bei einem Bier saß. Er begrüßte mich freudig. Ich setzte mich hinzu, nachdem ich vorher etwas verlegen auf meine Füße gedeutet und ihn gefragt hatte, ob er sich „so“ eh nicht in meiner Gesellschaft geniere. Er meinte jedoch, dass ihm das wurscht sei. Als er jedoch meinte, dass er im September in Wien meine Eltern treffen werde und was die wohl sagen würden, wenn er ihnen „das“ erzählen würde, verfiel ich schon ziemlich. Mein Vater würde wie üblich nichts dazu sagen (er pflegt wenig über seine Gefühle und Gedanken mitzuteilen), meine Mutter dagegen würde wohl verzweifelt ausrufen, dass ich nun offensichtlich völlig übergeschnappt wäre. Aus diesem Grund bat ich den Bekannten, meinen Eltern lieber nichts zu sagen. Es ist doch eigenartig, wie lange einem auch im Erwachsenenalter (ich bin 37) die Angst vor dem Urteil der Eltern im Nacken sitzen kann. Übrigens bin ich aufgrund einiger Indizien der Überzeugung, dass ich meine Vorliebe für barfüßige Frauen mit meinem Vater teile. Ich würde ihn gerne einmal, solange er lebt, darauf ansprechen. Aber so verschlossen wie mein Vater ist, habe ich bei ihm stets die Sorge, Grenzen zu verletzen.
Jedenfalls habe ich heute zum ersten mal barfuß einen Bekannten getroffen. Weder habe ich mich zu Tode geniert noch ist die Welt untergegangen. Und ich bin wieder um eine wertvolle Barfuß-Erfahrung reicher.
Schöne Grüße an alle andern Füße
Georg, der Straßenbahner

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