Fremdbestimmtes Barfußlaufen
(Forumbeiträge im Frühjahr 2002)

Wenn einer aus Zwang oder Armut barfuß laufen muss, ist das sicher kein Spaß.
Als Beispiel nenne ich nur die Geschichte meiner Großmutter, die in der Endphase des zweiten Weltkriegs als Schulmädchen von Westdeutschland nach Bayern in eine Gastfamilie "zwangsevakuiert" wurde. Dort war Barfußlaufen für Kinder wirklicher Zwang von Mai bis August (buchstäblich, die Schuhe wurden am ersten Mai weggeschlossen), aber nur für Kinder: Männer trugen immer Schuhe, erwachsene Frauen liefen in Haus und Hof meistens auch barfuß (hübsches Klischee?!), hatten aber irgendwelche meist ziemlich kaputten Treter zum Einkaufen oder ähnliches. Die Kinder, die aus fremden Gebieten in Gastfamilien kamen, hatten zwar Schuhe zur Verfügung, wurden von den einheimischen aber, wenn sie im Juni beschuht rumliefen, derart hart verspottet, dass sie sich bald nicht mehr dazu trauten: Eine Art von "Ehrenkodex" in bitterer Armut?
Für die Neuankommenden war das, bis man sich daran gewöhnt hatte, gewiss kein "Barfußvergnügen", zumal damals die Schulwege kilometerweit waren. Ich hoffe, das war nicht allzu sehr "off-topic".
Gruß Christine

[Wenn einer aus Zwang oder Armut barfuß laufen muss, ist das sicher kein Spaß]
Das gilt sicherlich nicht für das Barfußlaufen, sondern nahezu immer, wenn man etwas aus Zwängen heraus tun muss - Armut ist ja auch ein solcher. Als Kind z. B. aus solchen Zwängen heraus arbeiten zu müssen - wie früher es bei uns und heute in anderen Ländern der Fall ist - macht wohl auch wenig Laune.
[hübsches Klischee?!]
Sicher werden hier Klischees deutlich - und wir lesen sie hier auch nicht zum ersten Mal.
Interessant wäre eine wissenschaftliche Untersuchung über die Hintergründe solcher Strukturen und die Kontexte, die zusammenspielen, wie zum Beispiel : Tragen Männer Schuhe, weil man als Mann nicht barfuß geht, während das zur Frau ja ganz gut passt - oder gibt es in den wiederkehrenden Arbeitsabläufen der Männer eher als in denen der Frauen Veranlassung dazu, die sich dann verselbständigt hat?
Gehen Kinder barfuß, weil sie das Geld für Schuhe nicht Wert sind - oder gibt es (zumindest auch) in der Tradition von Pfarrer Kneipp u. a. eine Denktradition, dass Barfußlaufen für Kinder im Sommerhalbjahr gesund ist?
Diese Art Fragen ließe sich durchaus noch fortsetzen.
[Eine Art von "Ehrenkodex" in bitterer Armut?]
Im März - Pressespiegel hatten wir einen Beitrag über ein Buchprojekt in St. Gallen / Schweiz mit dem Titel "Die Barfüssler" über Schuljungen in der Kriegszeit, für die ihr Barfußlaufen eine "Ehrensache" war.
Im übrigen war es vielleicht einfach nur eine gute Gelegenheit, die "Fremden" an einer "wunden Stelle" - der fehlenden Fähigkeit zum Barfußlaufen - zu treffen?
[kein "Barfußvergnügen" für Neuankömmlinge]
Das kann man sich leicht vorstellen - und dass diese Erinnerung haften geblieben ist auch. Vielleicht gibt es aber (zumindest auch) eine Erinnerung an schöne Barfußtage auf Wiesen und an Bächen, von denen man jedenfalls im Pressespiegel auch immer wieder lesen kann?
Wir können jedenfalls froh sein, dass uns auf Schul- und anderen Wegen eine grundsätzliche Wahlfreiheit bleibt, weil unsere Einkommen höher und Schuhe zudem billiger geworden sind.
Ob der soziale Druck, den Du oben beschrieben hast, heute nicht unter umgekehrten Vorzeichen - jedenfalls in weiten Teilen der Republik - mindestens gleichgroß ist, steht dann auf ein anderes Blatt geschrieben.
Gruß aus Köln
von Georg

Ich glaub, dass die Kinder früher barfuß laufen mussten und auch teilweise erwachsene Frauen, nicht aber Männer, das hat weder mit dem praktischen Grund zu tun, dass Kinder immer neue Kinderschuhe brauchen: Denn die Familien damals waren doch (im Gegensatz zu heute) meist Großfamilien, wo das jüngere Kind die Schuhe vom älteren weitertragen konnte (und das taten sie dann auch, wenn sie im Winter Schuhe trugen). Noch hat es auch mit der Tradition Kneipps zu tun, denn um Gesundheit und Wohlbefinden von Kindern war man damals ziemlich unbekümmert.
Das hat, glaub ich, einfach zu tun mit der (patriarchalischen?) Vorstellung, dass der Mann das Haus verlässt, um für den Lebensunterhalt der Familie zu sorgen und somit optimal ausgestattet sein muss. Wenn Frau oder Kinder aus dem Haus gingen, hatte das nicht dieselbe Bedeutung, und deshalb konnten sie auch kein Schuhwerk beanspruchen. Wenn ältere Kinder einmal rebellierten, dann hieß es vom Familienoberhaupt nur: "Dann verlass mein Haus, schaff dir eine eigene Familie an, die du versorgen kannst, und dann kannst du dir auch Schuhe leisten."
Das war, glaub ich, nur eine Sache des Sozial-Status innerhalb der Familie.
Viele Gr/Füße, Christine

[Kinder im Sommer aus finanziellen oder gesundheitlichen Gründen barfuß?]
Das wirtschaftliche Problem bei Kinderschuhen bestand (als noch keine industriell gefertigten Billigschuhe verfügbar waren) darin, dass es mit einmal kaufen und dann auftragen ja nicht getan ist - Kinderschuhe müssen "mitwachsen" und immer für die richtige Größe gekauft werden, sonst richten sie mehr Schaden an, als sie nützen. Der Aufwand wäre also höher als bei Erwachsenen, und das wollten oder konnten sich viele sicherlich nicht leisten, zumal Barfußlaufen im Sommerhalbjahr ja nicht schädlich ist.
[Wir können froh sein, dass uns Wahlfreiheit bleibt]
Der Zwang kommt von einer anderen Richtung. Wer barfuß geht, hebt sich von der Masse ab und macht sich damit in manchen sozialen Konstellationen zum Außenseiter und zur Zielscheibe der Aggressionen.
Die Schule ist in dieser Hinsicht ein härteres soziales Umfeld als vieles, was danach kommt. Nicht jeder hat die Charakterstärke dazu, hier zu überleben, ohne sich letztlich doch anzupassen.
Unci

Es ist grundsätzlich widerlich, zu etwas gezwungen zu werden.
Ich erinnere mich noch gut an eine Turnlehrerin, die der Meinung war, dass alle in der Klasse barfuss turnen mussten. Ich war und bin begeisterter Barfußläufer, aber barfuß über einen rissigen Turnhallenboden zu rennen ist ekelhaft und es erzeugt im schlimmsten Fall sogar Brandblasen (oder wie immer man das nennen will).
Zu etwas gezwungen werden ist immer unangenehm. Auch Barfußlaufen.
Genau wie alles im Leben sollte Barfußlaufen Freude machen.
Steini (Stefan S.)

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