Auf der Suche nach einem "realistischen Bezug zum Barfuß gehen"
(Forumbeiträge seit Herbst 2000)

Wir sollten versuchen, einen realistischen Bezug zum Barfuß gehen zu finden.
Ich habe nichts gegen jene Menschen, welche versuchen, das ganze Jahr durch ohne Schuhe herumzulaufen.
Es bringt der Barfuß - Bewegung aber nicht viel, wenn der Eindruck entsteht, nur diejenigen, die möglichst immer barfuß gehen, seien die wahren Barfußläufer. Wir sollten vielmehr versuchen, dass sich die Einstellung der Mehrheit der Menschen wieder so ändert, dass es in vielen Fällen ganz normal ist, barfuß zu gehen.
Wir sollten aber auch akzeptieren, dass es in gewissen Situationen nicht sinnvoll ist, unbedingt auf die Schuhe zu verzichten.
In diese Kategorie fallen für mich zum Beispiel die folgenden Situationen:
1. Die Bekleidung ist bewusst gepflegt gewählt (Anzug, Hemd mit Krawatte etc.) und die Umstände die zu dieser Wahl der Bekleidung führen sind entsprechend (Vorstellungsgespräch, Kunden- Besuch, Essen in einem teuren Restaurant, Besuch von Theater, Konzert etc.).
2. Bei zu tiefen Temperaturen, so dass es ohne lange Gewöhnung zu Kältegefühlen kommt.
3. Wenn der Boden so beschaffen ist, dass immer wieder Verletzungsgefahr besteht, oder wenn man immer wieder (wegen noch fehlender Abhärtung) zu große Schmerzen hat. In solchen Situationen ziehe ich Schuhe an, die ich rasch an- und ausziehen kann.
Umgekehrt ist es für mich absurd, wenn ich z.B. im Schwimmbad oder am Sandstrand oder auf Rundkieseln am Flussufer Menschen sehe, die die ganze Zeit Schuhe oder Sandalen tragen und so den Boden gar nicht mehr spüren.
Auch im Sportunterricht in der Schule sollte es normal sein, barfuß zu turnen, sowohl in der Halle wie auch im Freien.
Ich habe viele Beiträge zum Thema "Mut zum Barfuß gehen" gelesen und auch selbst entsprechende Erfahrungen gemacht. Es ist ganz offensichtlich so, dass die allermeisten Menschen es eigentlich normal finden, wenn die Situation (Temperatur, Bodenbeschaffenheit) es zulässt, dass man dann barfuß geht und die meisten Menschen im Stillen diejenigen bewundern, die den Mut haben, die Schuhe auszuziehen oder ganz zu Hause zu lassen.
Vielleicht sollten wir versuchen, mit Öffentlichkeitsarbeit das Barfußgehen wieder populärer zu machen.
Nun noch einige weitere Bemerkungen und Erfahrungen:
Die Kosten für Schuhe waren früher viel höher. In einem Katalog von 1945 fand ich in etwa dieselben Preise wie heute, nur dass die Einkommen damals etwa zehn mal tiefer waren verglichen mit heute. Die Schuhe der Kinder war also ein Ausgabeposten, bei dem man sparen konnte.
Auch bei Naturvölkern, die immer barfuß gehen, kann es zu Problemen kommen. In einem Buch las ich von einer Expedition auf einen Vulkan, bei welcher die Einheimischen Träger auf scharfkantigem Basaltgestein nicht mehr weitergehen konnten, da die Fußsohlen verletzt wurden.
Auch wenn man immer barfuß geht, wird die Sohle nie so fest und dick wie Ledersohlen an Schuhen. Dies kann man auch bei Dokumentarfilmen über solche Völker bei genauem Hinsehen beobachten. Die Haut wird zwar wesentlich dicker und zäher, es ist aber auch das darunterliegende Gewebe, welches dicker wird, so dass beim Auftreten auf einen Stein der Gegendruck sich über eine größere Fläche verteilt.
Peter

[ bringt Barfuß - Bewegung nicht viel, wenn Eindruck entsteht, nur diejenigen, die immer barfuß gehen, seien wahren Barfußläufer ... Einstellung der Mehrheit der Menschen so ändert, dass es in vielen Fällen normal ist, barfuß zu gehen ... auch akzeptieren, dass es in Situationen nicht sinnvoll ist, auf Schuhe zu verzichten ]
Dieser Gedanke ist glaube ich vollkommen richtig. Wir sollten auch den "anderen" den Raum zukommen lassen, den Sie benötigen, um sich zu entfalten.
Nur barfuß zulaufen ist nicht für jeden richtig. Es kommt sehr stark auf den einzelnen und die jeweilige Situation an. Das ___darf___ jede(r) mit sich selbst ausmachen. Es darf kein Dogma sein. Für den einen fühlt es sich gut an für den andern eben nicht.
Solange wir den andern so akzeptieren sollte es kein Problem darstellen. Wir sollten uns alle vor übereilten Verurteilungen vorsehen. Gruß Matthias (WN)

Hallo Peter, Deinem Beitrag möchte ich in allen Punkten zustimmen, denn manchmal haben Schuhe eben unbestreitbare Vorteile.
Dies ist nach meiner Erfahrung zwar viel seltener der Fall, als gemeinhin angenommen wird -- aber aus dem Barfußgehen ein Dogma zu machen, finde ich reichlich daneben.
Ich denke lieber praktisch: auch wer nur gelegentlich barfuß läuft, steht dem "Leben auf freiem Fuß" positiv gegenüber. Und verrückte Barfuß - Stunts sind wahrhaftig nicht geeignet, um die Öffentlichkeit zu überzeugen.
Mein Ansatz für die Öffentlichkeitsarbeit besteht darin, möglichst vielen Leuten einen Anreiz zum FREIWILLIGEN Ausprobieren zu schaffen -- bei Gelegenheiten, die jeder als günstig empfindet. Serfuß, Lorenz

[ habe nichts gegen Menschen, welche versuchen, ganze Jahr ohne Schuhe herumzulaufen ... bringt Barfuß - Bewegung nicht viel, wenn Eindruck entsteht, nur diejenigen, die immer barfuß gehen, seien wahren Barfußläufer]
Ich habe aber auch nicht den Eindruck, dass dies im Forum so geschieht.
Im übrigen zeigen die Dauerbarfüßer recht eindrucksvoll, dass der Mensch auch unter den natürlichen Bedingungen Mitteleuropas Schuhe kaum braucht - die Frage nach Schuh oder Nicht - Schuh mithin eine nahezu ausschließlich kulturelle resp. gesellschaftlich konditionierte ist.
[ auch akzeptieren, dass es in Situationen nicht sinnvoll ist, auf Schuhe zu verzichten ... zum Beispiel folgenden Situationen: 1. Bekleidung bewusst gepflegt gewählt [...] 2. Bei zu tiefen Temperaturen [...] 3. Boden so beschaffen, dass immer wieder Verletzungsgefahr besteht]
Zu 1 siehe oben, 2 + 3 sind in gewisser Hinsicht vom „Trainingszustand“ abhängig.
Sicherlich ist es hier auch so, dass bei der un- (des- ?) informierten Mehrheit der Bevölkerung das Verständnis dafür sehr gering ist (vorsichtig formuliert).
Aus diesem Grund werde ich im Herbst sicher früher damit aufhören, im Ort barfuß zu gehen, als die Temperaturen das für mich nötig machen würden.
Im übrigen zeigt Dein Beitrag ja recht eindrucksvoll, dass Du Dich mit dem Barfußthema bereits ausführlich beschäftigt hast und die Diskussion im Form gewiss bereichern kannst und wirst. In diesem Sinne herzlich willkommen !
Herzliche Füße aus Köln nach ??? sendet dir Georg

Hallo Peter! Ich glaube, dass man es sich und bestimmt auch anderen mit Deiner wohlmeinend - pragmatischen Einstellung am leichtesten macht.
Andererseits fällt mir diese sehr schwer, und zwar vor folgendem Hintergrund (ich zitiere ein Posting von mir aus dem "Best Of"): "Warum laufen die Leute in Schuhen herum, obwohl - weit über die Hälfte der Schuhträger deformierte Füße haben (bei barfußlaufenden Völkern so gut wie unbekannt) - weit über die Hälfte der Schuhträger Hautkrankheiten an den Füßen haben (bei barfußlaufenden Völkern so gut wie unbekannt) (das "Schmoren" im unsichtbaren Schmutz in den Schuhen/ Sandalen ist wirklich gefährlich, der sichtbare ist so gut wie immer ungefährlich)
- der barfußgehende Mensch einen Wirbelsäulen- und Gelenkschonenden Gang entwickelt (ich kenne allein zwei Beispiele, mit dem auf diese Weise Rückenschmerzen geheilt wurden)
- die dauernde natürliche Fußreflexzonenmassage für das Wohlbefinden des Menschen wichtig ist (die per Hand "nachgemachte" kann zwar einige Stellen spezifisch reizen und auch eindrucksvolle Heilungserfolge erzielen, kommt aber nicht an den Komplett - Eindruck der natürlichen mechanischen Reize plus der von trocken - feucht, kalt - warm, elektrischer Potentiale etc. heran) (das dauernde Fehlen dieser Reize kann nachgewiesenermaßen KRANK machen).
Warum also laufen die Leute in Schuhen? Welchen Sinn macht es? Wohl doch nur einen "soziologischen", keinen vernünftigen, oder?"
Hinzuzufügen wäre noch, dass sich die Fehlstellungen durch die durchs Schuhetragen deformierten Füße auf Knie, Hüftgelenke, Wirbelsäule übertragen und wiederum diese beeinträchtigen bzw. schädigen können.
Das gefährliche Umknicken gibt es barfuß ebenfalls nicht. Der Gang eines geübten Barfußläufers (und aus männlicher Sicht natürlich besonders: einer geübten Barfußläuferin) ist viel ästhetischer als das Gestöckel und Getrampel, was einem sonst oft zugemutet wird. Und ein trainierter Fuß sieht frei viel schöner aus als alles, was man daranschnallen oder -binden kann!
Vielleicht kannst Du vor diesem Hintergrund verstehen, dass ich
- negative Kommentare Anderer zum Barfußlaufen als ignorant und dumm empfinde
- dass für mich der soziale Druck, Schuhe anzuziehen, eine Zumutung darstellt
- dass ich mir wünsche, in einer Welt zu leben, in der die Menschen wieder ein natürliches Verhältnis zu ihrem Körper haben und nicht derart von den natürlichsten und gesündesten Dingen entfremdet sind.
Außerdem ist es mir jedes Mal unangenehm, in ein niemals gewaschenes Kleidungsstück steigen zu müssen. Wie viel besser fühlen sich die Füße nach einem Tag Barfußlaufen an als nach einem Tag in Schuhen!
Rechnet man noch hinzu, dass die Verletzungsgefahr für einen einigermaßen geübten Barfußläufer nahezu Null ist (ganz im Gegensatz zu der von Schuhträgern) und dass es beim Barfußlaufen so gut wie nie Probleme gibt, so ist es ganz besonders schmerzhaft, dass das einzige - und zwar leider ganz gewaltige - Problem die Mitmenschen darstellen.
Schlimm finde ich, dass z.B. auch die Werbung es fertig bringt, dass (fast) alle Menschen glauben, Schuhe tragen sei sicher, komfortabel, hygienisch und gesund! Und implizit, dass das Barfußlaufen das Gegenteil davon sei!
Ich muss Dir sagen, ich finde es unerträglich, wie hier die Wahrheit auf den Kopf gestellt wird! Und dass so etwas in den Köpfen fast aller Mitmenschen praktisch irreversibel verankert ist, so dass auch die besten Argumente so gut wie niemanden dazu bringen, möglichst oft die Schuhe wegzulassen, hat für mich angesichts der obigen Tatsachen schon eine fast tragische Dimension.
Ich würde auch gerne wissen, wie man auch innerlich ein "pragmatisches" Verhältnis zum Barfußlaufen haben kann, wenn man obige Tatsachen wirklich BEGRIFFEN hat und sie einem voll BEWUSST sind.
Ich verhalte mich zwar in der Praxis pragmatisch, aber ich finde es gleichzeitig schlimm und sehr schmerzhaft, dass man es bei uns nötig hat, sich so gekünstelt und "artfremd" zu verhalten.
Es grüßt herzlich MarkusII

Hallo Markus, Dein Beitrag hätte fast wörtlich von mir stammen können! Gruß, Fritz.

Tja, da kann ich mich voll und ganz anschließen. Wenn man es bis zum Ende durchdenkt ist es ganz schön deprimierend. Aber leider ist unser Leben ein einziger Kompromiss, so eben auch das Schuhe tragen.
Übrigens geht es mit vielen Dingen so, wenn man es genauer durchdenkt: auch bei der Ernährung, der Gesundheit im weitesten Sinne wird uns eine gehörige Gehirnwäsche zuteil, die uns zu Verhaltensweisen bringt (auch aus Konventionen), die uns selbst und anderen schadet.
Viel schlimmer bei den "großen Dingen": wir alle glauben, unsere Form des Wirtschaftens sei die effektivste, ökonomischste und ökologischste, vor allem die sozial gerechteste - dabei bringt sie täglich Massen von Menschen um ihre Zukunft und sehr viele um ihr Leben.
Aber was tun? Subsistenzwirtschaft?
Da ist es doch verhältnismäßig das einfachste, mal die Schuhe wegzulassen und dafür hier und da einen (folgenlosen) Kommentar einzuheimsen... Lupu

Hi! Dem ist nichts hinzu zu fügen. Barfuß eben da, wo es immer geht, aber nicht übertrieben ist. Regeln dafür will ich nicht aufstellen und will bestimmt kein anderer aufstellen.
Aber gewisse Regeln draußen auf der Straße wären bei manch uns begegnenden Zeitgenossen wohl angebracht.
Jedoch hatte ich seit Ostern! bisher das Glück (?) in keinster Weise negativ angesprochen worden zu sein. Leider muss ich werktäglich in der Firma Sicherheitsschuhe tragen. Ein Umstand mit dem ich leben kann und muss ;-)
Irgendwann im Herbst werde ich auch wieder beschuht, jedoch ohne Socken sein.
mfg Markus (Malo)

Hallo Ihr vier! Vielen Dank für Eure Antworten! Das tut doch ausgesprochen gut, mit diesen Empfindungen nicht allein dazustehen!
Dass das Verquersein der Dinge auch bei ganz anderen Gebieten als dem Barfußlaufen gang und gäbe ist, war mir übrigens gar nicht so deutlich bewusst, Lupu!
Ich habe mir gestern nun das "Lexikon der populären Irrtümer" und das "Lexikon der Öko - Irrtümer" gekauft, die es inzwischen als Taschenbuch bei Piper gibt und die ich Dir hiermit beide empfehlen möchte. Die von Dir angesprochenen Themengebiete sind darin ebenfalls enthalten.
Das folgende Zitat bringt m.E. die hervorragende und gleichzeitig so schnelle "Urteilsfähigkeit" der Barfuß - Ignoranten auf den Punkt:
"Irrtümer entspringen nicht allein daher, weil man gewisse Dinge nicht weiß, sondern weil man sich zu urteilen unternimmt, obgleich man noch nicht alles weiß, was dazu erfordert wird."
(Immanuel Kant; steht in einem der o.g. Bücher)
Nun hoffe ich, dass es uns gelingt, beim Barfußlaufen allmählich immer mehr gegen die Ignoranz mancher Mitmenschen gefeit zu sein!
Viele Grüße aus Bonn, MarkusII

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