Kersten
Rath - immer barfuß seit fast zwanzig Jahren
(Medienbericht im Sommer 2000)
Der erste Gedanke, wenn einer ...
Der erste Gedanke, wenn einer immer barfuß geht: Ein komischer Kauz muss das
sein.
Aber Kersten Rath, Sportlehrer aus Graz, hat einfach die bessere
Bodenhaftung. Sollen die Leute nur glotzen im Theater oder in der Felswand.
Tadelloser Anzug, gepflegte Erscheinung. Kersten Rath ist ein Mann, der sich
überall blicken lassen kann. Gebildet, astreine Manieren. Trotzdem kommt es
vor, dass der Sportlehrer aus einem Restaurant fliegt. SIE nicht, bitte! Beehren
Sie uns auf keinen Fall wieder!
Kersten Rath nimmt das locker und gelassen. Wenn die Leute ihn nicht packen -
ihr Problem. Er ist kein Radaubruder. Alles, was man ihm vorwerfen kann, das
ist, dass er barfuß geht. Immer. Seit siebzehn Jahren schon.
Wegen einer Fußverletzung kam er auf die Idee. Die wäre wahrscheinlich gar
nicht passiert, wäre Kersten Rath barfuß gewesen. Das hat mit komplizierten
physikalischen Gesetzen zu tun und auch mit der eher schlichten Tatsache: Die
Füße des Menschen sind intelligenter als jeder Schuh. Wenn man die Füße
lässt.
So richtig extremen Ärger hatte der Bloßfüßige noch nie. Außer einmal:
im Flugzeug. Da sind die Stewardessen richtig ausgezuckt. Der Flughafen-Manager
musste herbei. Keine Starterlaubnis, solang der Passagier nicht zumindest Socken
trägt. Ja, dann halt, sagte Herr Rath. Er wollte ja nach Hause.
In Graz, wo der Sportsmann mit Frau und vier Kindern daheim ist, dreht sich
kaum noch jemand nach ihm um. Die Studenten mögen ihn bloßfüßig, manche
versuchen es selber, aber so wirklich durchgehalten wie der Meister hat noch
keiner.
Kersten Rath, eine bizarre Ausnahme-Erscheinung? Wirklich nicht. Der
überwiegende Teil der Menschheit ist noch immer ohne Schuhe unterwegs. Und die
Kindheitserinnerungen unserer Groß- und Urgroßeltern - das sind durchwegs
barfüßige Geschichten. Dass es ein paar Schuhe gab, für die Kirche am
Sonntag, das war das Höchste.
Das mit dem verhüllten Fuß sieht Kersten Rath sowieso als schweren Eingriff
ins Leben; kulturell, religiös motiviert. Der Fuß ist einerseits ein delikates
Sex-Symbol, und dann wieder im Mittelpunkt ritueller Reinigung. Schuld und
Unschuld.
Was der Fuß alles kann, wenn der Kopf ihn lässt! Kersten Rath hat es nicht
nur in Büchern, sondern am eigenen Leib studiert. Ein Gewölbe, eine
Landschaft, eine geniale Architektur, die den Rest des Menschen trägt und
organisiert.
Bergab auf eisigem Boden zum Beispiel: Der Fuß setzt auf dem großen Zeh
auf. Der Fuß erkennt, was da unten los ist: Nie würde er in eine Scherbe
treten. Das passiert ihm nur durch den falschen Impuls aus dem Kopf, der sich
offenbar für klüger hält.
Es gibt freilich schon Situationen, da reißt es selbst Herrn Rath herum wie
den Kabarettisten Alfred Dorfer in seiner Szene vom Sonnenstrand: Wenn der Sand
fünfzig Grad hat, schreien alle seine Fühler da unten nur noch HILFE!
Kerstens Füße in Großaufnahme sind eine wilde Landschaft. Frau Vera konnte
nicht widerstehen und wollte die starken Pfoten einmal in die zarten Hände
nehmen. Hornhaut wie ein Elefant, das muss sein. Was so grob und nicht wirklich
fotogen ausschaut, ist sensibel wie ein Babyfüßchen. Herr Rath ist furchtbar
kitzelig. Frau Vera, kille, kille, hat es ausprobiert.
Manchmal ist der Sex im kleinen Zeh
Apropos die Babys, sagt der Mann. Was ist
das Erste, was ihnen alle Tanten und Verwandten anziehen wollen? Klitzekleine
Patschenschuhe. So fängt das an. Und dann verlernen die Kinder mehr und mehr
die Kunst, ihre Füße richtig zu bedienen. Fußbetten und Stützsohlen und all
das Zeug: Immer ein schlechter Ersatz für das, was der liebe Gott da unten
installiert hat.
Kalte Füße kann man sich im Leben auf viele Arten holen, in der Liebe oder
beim Chef, aber sicher nicht beim Barfußlaufen. Kalt werden Herrn Raths Füße
nur, wenn schon ein Infekt in ihm schlummert. Dann weiß er: Hallo, obacht! Dann
tut er, was zu tun ist: ein heißes Bad nehmen! Gesund werden.
Bei Rath können
die Leute auch gehen lernen, wenn sie schon lang im Leben stehen. "Laufen
ohne Schnaufen" heißen seine Kurse oder "Schiiifoan", damit sich
die Leute ihre Haxen nicht so schnell brechen. Aber auch pikante Impulse für
die Liebe werden geboten - mehr Spaß am Sex durch (Wieder-)Belebung verkannter
Zonen.
Herrn Raths Ehefrau war anfangs nicht übermäßig begeistert von ihrem
barfüßigen Gespons. Die jüngeren Kinder, die Mädchen, kennen den Papa gar
nicht anders. Papa läuft und läuft, ist aber nie auf den Felgen. Seine Füße
sind wie Formel-eins-Reifen.
Das Thema Füße füllt auch ganze Erotik-Bibliotheken. Dass Füße in
unserem Kulturkreis so verhüllt werden, hält Rath für falsche Scham. Denken
wir an die äußerst lebenslustige Fergie aus dem englischen Königshaus: Keines
ihrer Gspusi hat die Welt je so empört wie die Geschichte mit der
Zehenküsserei, bei der sie in flagranti von einem Paparazzo abgeschossen wurde.
Barfüßige haben keine Schweißfüße
Und die Mode, die tut natürlich auch
nichts anderes, als ständig neue Spiele mit dem Fuß zu erfinden: verhüllen,
verschnüren, verlocken. Natürlich eher bei Damenfüßen.
Den Staub und den Dreck der Welt mit sich herumzuschleppen, das macht dem
Bloßfüßigen aus Graz aber schon überhaupt nichts aus. Es gibt ja Wasser. Und
manchmal eine Belohnung, eine gute Creme oder so was.
Wie Vera aus eigener Erfahrung weiß, braucht bei Herrn Raths Füßen wirklich
niemand die Nase zu rümpfen. Und jede Wette: In diesen Restaurants, in denen
sie den Bloßfüßigen nicht haben wollten, hätte er gewiss keine penetrante
Duftmarke hinterlassen.
Barfüßige haben nämlich nie Schweißfüße. Was man
von vielen anderen Leuten nicht behaupten kann.
[© 2000-09-25 by "NEUE KRONEN ZEITUNG"]
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